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Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Das Karriereende für die Paralympics verschoben

Das Karriereende für die Paralympics verschoben

Para Badminton-EM: Thomas Wandschneider ist ein Kämpfer auf und neben dem Spielfeld – Für seinen Paralympics-Traum geht es bei der EM neben Medaillen vor allem um Punkte für die Qualifikation

Eigentlich wollte Thomas Wandschneider seine internationale Karriere schon vor ein paar Jahren beenden. Unzählige Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften hatte er gewonnen, alles erreicht. Doch dann kam die Entscheidung, die seine Rücktrittsgedanken sofort beendete: Para Badminton wird 2020 in Tokio erstmals zum Programm der Paralympics gehören. Und plötzlich hat Thomas Wandschneider wieder ein großes Ziel vor Augen, verspürt neue Motivation und Antrieb. Schon bei den Europameisterschaften im französischen Rodez vom 30. Oktober bis 4. November geht es um wichtige Punkte für die Paralympics-Qualifikation – und um Medaillen.

25 Edelmetalle hat Thomas Wandschneider bei Welt- und Europameisterschaften bisher gesammelt, viermal wurde er Welt- und zwölfmal Europameister. Doch ein Ziel überstrahlt alles: die Teilnahme an den Paralympics. „Ich hatte eigentlich schon ans Aufhören gedacht, zumindest mit Blick auf den Leistungssport. Eine mögliche Aufnahme von Para Badminton ins Paralympics-Programm wurde immer weiter verschoben, ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und nicht mehr daran geglaubt, dass es während meiner aktiven Karriere noch klappt“, sagt der 54-Jährige. Doch das Internationale Paralympische Komitee gab grünes Licht für Tokio 2020. „Das hat mir neuen Antrieb gegeben. Die Spiele sind meine große Motivation. Deswegen sind für mich bei der EM die Punkte für die Paralympics auch wichtiger als die Medaillen“, betont Wandschneider, der dem Top Team des Deutschen Behindertensportverbands angehört.

Ein neuer Rollstuhl soll ihn in Tokio auf dem Spielfeld noch flinker machen

Doch weil es für Platz eins nicht nur Gold sondern auch die meisten Punkte gibt, ist sein Ziel klar: Titelverteidigung. Bei der EM 2016 schnappte sich der Rollstuhlfahrer aus dem niedersächsischen Lindhorst den ersten Platz im Einzel und auch im Doppel. Zurückgelehnt hat er sich trotz der Vielzahl an Erfolgen nicht – im Gegenteil. „Ich kann noch mehr aus mir herausholen und mich auch in meinem Alter weiter verbessern“, sagt Wandschneider. Damit er auf dem Spielfeld noch flinker wird, will er sich einen neuen Rollstuhl anfertigen lassen, der sein 14 Jahre altes Sportgerät ab Anfang 2019 ersetzen soll – für den Paralympics-Traum werden alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Vor einigen Jahren war Thomas Wandschneider derjenige, den es zu schlagen galt in der Startklasse WH1. Inzwischen hat ein Rollentausch stattgefunden, der 54-Jährige wurde vom Gejagten zum Jäger. Im Para Badminton dominieren die Asiaten, vor allem die Koreaner und nun auch die Chinesen. „Sie sind unglaublich stark, haben aber auch ganz andere Möglichkeiten“, erklärt Wandschneider. Aufgrund seiner Größe und der damit verbundenen Reichweite sei er damals schwer zu knacken gewesen. „Dann haben sie die eine Hälfte des Spielfelds angehoben und getestet, wie sie mich überspielen können. Sie haben versucht, im Training Spiele gegen mich zu simulieren, um mich zu besiegen.“ 


Wohl der einzige Europäer, der die Asiaten noch bezwingen kann

Meist haben die Koreaner inzwischen die Nase vorn, bei der WM 2017 unterlag Wandschneider im Halbfinale auch erstmals einem jungen Chinesen. Und dennoch: „Ich bin eigentlich der einzige Europäer, der die Asiaten noch bezwingen könnte“, sagt er. Darüber hinaus reizt ihn noch etwas anderes. Thomas Wandschneider möchte nur zu gerne der erste Deutsche sein, der bei Olympischen oder Paralympischen Spielen eine Badminton-Medaille gewinnt. „Das wäre dann etwas Historisches. Vielleicht gelingt es mir ja tatsächlich mit der Unterstützung der Verbände sowie von unserem Cheftrainer Christopher Skrzeba und Landestrainer Jens Janisch“, sagt der Athlet des VfL Grasdorf und fügt realistisch an: „Wenn ich es jetzt nicht packe, ist der Zug abgefahren.“ Einerseits wird der vierfache Familienvater nicht jünger, andererseits wird Para Badminton immer professioneller und die Konkurrenz, besonders aus Asien, immer übermächtiger.

Doch der Ehrgeiz ist groß, Thomas Wandschneider ist ein Kämpfer – auf und neben dem Spielfeld. Ein Unfall im Mai 2000 veränderte sein Leben. Er stand mit seinem Auto an einer roten Ampel, ehe ein Müllfahrzeug von hinten mit Wucht auffuhr. Die Diagnose: Querschnittlähmung. „Im Krankenhaus wurde mir damals eine Lebenserwartung von noch drei bis fünf Jahren prognostiziert. Ich wusste: Entweder gebe ich auf und werde nicht alt oder ich kämpfe und arbeite sehr hart an mir“, sagt Wandschneider. Er entschied sich für den zweiten Weg – und träumt 18 Jahre nach seinem Unfall von den Paralympics.

Zum Para Badminton kam er über einen Bekannten aus der Klinik. „Ich habe es ausprobiert. Es hat mir direkt viel Spaß gemacht und wir waren eine tolle Truppe“, sagt der Niedersachse. Bereits 2001 feierte er sein WM-Debüt, bei der WM 2005 sogar Doppel-Gold. Zahlreiche weitere Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften folgten.


„Beim Sport rückt die Behinderung völlig in den Hintergrund“

„Der Sport gibt mir unglaublich viel, das tut mir einfach gut und motiviert mich. Auch wenn ich mal gegen einen Fußgänger spiele und ihn schön über das Feld scheuche“, sagt Wandschneider schmunzelnd und ergänzt: „Dann bekommst du gar nicht mehr mit, dass du überhaupt eine Behinderung hast. Das rückt völlig in den Hintergrund.“

Problematischer ist da eher der Faktor Zeit. Wandschneider arbeitet neben dem Training selbstständig in der Tourismusbranche und vermietet Ferienhäuser in Spanien an der Costa Blanca. Die Objekte hat er vor einigen Jahren gekauft und sie sind kernsaniert worden. „Seitdem sind alle Häuser rollstuhlgerecht und in schöner Lage am Meer. Doch in Kombination mit dem Leistungssport und der immer größeren Professionalisierung ist die Organisation rund um die Häuser nicht einfach. Ich bräuchte eigentlich mehr Freiräume für das Training“, erklärt der 54-Jährige, der nicht selten noch nach den Einheiten am Abend bis in die Nacht am Computer arbeitet.

2019 steht ihm dann ein Jahr voller Reisen bevor. „Ich muss für die Paralympics-Rangliste viele internationale Turniere spielen und werde sehr viel unterwegs sein.“ Alles für das große Ziel. Und eines ist sicher: An seiner Einstellung wird es nicht scheitern. „Mein Leben hat mich sehr geprägt und mir den Biss gegeben, durchzuhalten und mich immer wieder durchzukämpfen“, sagt Thomas Wandschneider. Attribute, die ihm auch auf dem Weg zum Paralympics-Traum helfen werden.

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