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Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Aufstehen, immer wieder aufstehen

Aufstehen, immer wieder aufstehen Elke Philipp © Uli Gasper / DBS

Para Dressurreiten: Elke Philipp will bei den Weltreiterspielen eine Medaille holen – und damit die Verdienste ihres im April verstorbenen Mannes und Mentors Werner würdigen

Ihren Sport ohne Werner zu betreiben, das war für Elke Philipp eigentlich stets unvorstellbar. Denn ihr Mann war für die Para Dressurreiterin des RuFV Chiemgau Nord stets weit mehr als eine seelische Stütze. Er war Mentor, Manager, Motivator. Derjenige, der sich im Hintergrund um all das kümmerte, was andernfalls Elke Philipps Konzentration gestört hätte. Derjenige, der mit der Kamera auf der Tribüne stand, um den Auftritt seiner Frau zu filmen und ihn hinterher gemeinsam mit ihr zu analysieren. „Mein erster Blick, wenn ich aus dem Viereck kam, ging immer zu ihm“, sagt Elke Philipp.

Im vergangenen April ist Werner Philipp einer Krebserkrankung erlegen. Und wie Elke Philipp an seinem Krankenbett saß, da schossen ihr dunkle Gedanken durch den Kopf. Wie, fragte sie sich, sollte das alles ohne ihren Ruhepol weitergehen, der 16 Jahre an ihrer Seite gestanden hatte? Werner Philipp fand solche Zweifel überflüssig. „Du schaffst das“, teilte er seiner Frau mit. Und die beschloss, weiterzumachen, „im Sinne meines Mannes“, wie sie sagt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Elke Philipp beweist, was für eine Kämpfernatur sie ist.

Die gebürtige Mittelfränkin war in ihren Jugendjahren eine begeisterte Leichtathletin, Basketballerin, Volleyballerin, Tänzerin und Skifahrerin. „Der Sport“, sagt sie, „war mir in die Wiege gelegt.“ Schon damals liebte sie den Kick vor dem Wettstreit, „das Gefühl, voll da zu sein“. Mit Anfang 20 aber trat bei ihr eine Hirnhautentzündung auf. Zwei Wochen lang lag sie im Koma. Dass auch im Kleinhirn eine Entzündung schlummerte, blieb lange unerkannt. Zu lange. Orientierungsprobleme und temporäre körperliche Ausfälle missdeuteten die Ärzte als Schwächephase – bis es so schlimm wurde, dass Elke Philipp nicht einmal mehr sitzen konnte. „Ich war ein kompletter Pflegefall.“

Dank der Pferde wieder auf die Beine gekommen

Liegen bleiben, sich aufgeben – das jedoch entspricht nicht ihrem Naturell. Zum Schlüsselerlebnis wurde, dass sie erlebte, wie zwei ihrer Zimmergenossinnen im Krankenhaus starben. Eineinhalb Jahre lag sie selbst in der Klinik. Als es in die Reha ging, war das tägliche harte Training keine Qual für sie, sondern eine Befreiung; die Chance, wieder aktiv zu sein. „Ich dachte mir: Endlich wieder Sport!“

Zu jener Zeit entdeckte sie die Hippotherapie. Sie, die früher nie etwas mit Pferden zu tun gehabt hatte, fand Gefallen am therapeutischen Reiten und kam dank ihm wieder auf die Beine. Elke Philipp ist bis heute linksseitig betont spastisch gelähmt und rumpfinstabil. Die Funktion ihrer Muskulatur ist komplett zentral gestört. Weil das Kleinhirn das Koordinationszentrum des Menschen ist, ist eine tägliche Physio- und Ergotherapie und Logopädie nötig, um die Sensomotorik und Tiefensensibilität aufrechtzuhalten. Probleme mit den Stimmbändern führten obendrein zu Atemstillständen und ließen sich nur durch einen permanenten Luftröhrenschnitt beseitigen. Aber sie ist nicht wie nach ihrer Erkrankung dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen, sie kann sich mit Gehhilfen fortbewegen.

Den Start in den Behindertensport erlebte sie Ende der 90er Jahre nicht im Para Dressurreiten, sondern – einer alten Leidenschaft folgend – im Para Ski Alpin. Sie besorgte sich Krückenski, machte auf dem Surfbrett ihres Bruders Trockenübungen im heimischen Garten und traute sich kurz darauf in Lermoos (Tirol) prompt ganz hoch auf den Berg. „Mehr als Hinwerfen konnte es mich ja nicht“, sagt sie. Es dauerte nicht lang und sie klopfte an die Tür zum deutschen Nationalkader. 2001 kam sie im Gesamt-Europacup auf Platz vier, die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2002 winkte, scheiterte aber an fehlenden Sponsoren. Just zu jener Zeit lernte sie ihren späteren Mann kennen, verliebte sich und beschloss, eine Leistungssportpause einzulegen.

Neuanfang in der Dressur – Reitunfall inklusive

Das Paar teilte eine Reitleidenschaft. 2005 kaufte es für gemeinsame Ausritte ein Pferd. An Elke Philipps neu entdecktem Enthusiasmus konnte selbst ein Reitunfall nichts ändern, bei dem sie sich einen dreifachen Becken- und einen Lendenwirbelbruch zuzog. Mit engagierter Hilfe, professioneller Anleitung und mehr Vorsicht stieg sie wieder aufs Pferd und trainierte – mit wachsendem Ehrgeiz. 2010 hatte sie der Leistungssport wieder, nun im Para Dressurreiten auf dem für ihre Bedürfnisse ausgebildeten Pferd Rousseau G. Nach ihren ersten nationalen Auftritten nahm sie der damalige Co-Trainer der deutschen Para-Equipe, Dirk-Michael Mülot unter seine Fittiche und attestierte ihr: „Du hast das Zeug und das Nervenkostüm für internationale Erfolge“.

Und Mülot behielt recht. 2013 nahm Elke Philipp erstmals an einer Europameisterschaft teil und gewann Silber mit der Mannschaft, ein Jahr später holte sie im französischen Caen WM-Bronze im Einzel. Von den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro nahm sie Silber mit der Mannschaft mit, eine Einzelmedaille verpasste sie knapp. 2017 schrammte sie in Göteborg ebenfalls unglücklich an EM-Gold in der Championatsaufgabe vorbei und holte Silber, zusätzlich gab es Bronze in der Kür.

Immer an ihrer Seite: der Wallach Regaliz, genannt Blacky, ein manchmal etwas eigenwilliger Partner, den Elke Philipp dennoch zu schätzen weiß. „Blacky ist eher von der gemütlicheren Sorte. In Rio hatte ich zeitweise das Gefühl, ich müsste ihn durchs Viereck tragen“, scherzt die Reiterin und schwärmt von der Einheit, die sie mit ihrem Erfolgspferd bildet. „Wir wissen genau, wie wir miteinander umgehen müssen. Das Schönste ist, wenn ich reite und man meine Behinderung gar nicht bemerkt.“

Große Vorfreude bei der Equipe auf die Weltreiterspiele

Die kommende WM allerdings findet ohne Regaliz statt. Der Wallach ist nicht hundertprozentig fit. Sein Ersatz Fürst Sinclair, genannt Spider, jedoch ist mehr als nur eine zweite Wahl. Der stolze Hengst bringt eine gewinnende Ausstrahlung mit und ist inzwischen so stabil, dass er eine glorreiche Zukunft verspricht – mit Elke Philipp, die dem von der Allianz Deutschland AG, der Deutschen Telekom AG, der Sparkassen-Finanzgruppe und der Toyota Deutschland GmbH getragene Top Team des Deutschen Behindertensportverbands angehört. „Ich freue mich sehr über diese Anerkennung“, sagt sie, zumal im Top Team nur Medaillenkandidaten der Paralympics 2020 in Tokio stehen.

Ob ihr Wunsch nach einer Trophäe diesen September in North Carolina in Erfüllung geht? Elke Philipp vermag es nicht so recht zu sagen. In ihrer äußerst stark besetzten Startklasse Grade I, in der Reiter mit dem höchsten Behindertengrad aufeinandertreffen, dürften Laurentia Tan (Singapur) und die Reiterinnen Großbritanniens die größten Konkurrentinnen sein. Philipp selbst ist in der Weltrangliste ihres Grades innerhalb der vergangenen Monate von Platz drei auf Platz 23 zurückgefallen, weil sie während der Erkrankung an der Seite ihres Mannes stand und direkt nach seinem Tod kaum an Wettbewerben teilnehmen konnte.

Britta Bando, die Teamchefin der deutschen Equipe, bewundert den Kampf- und Teamgeist ihrer Athletin. Denn Elke Philipp ist ein wichtiger Baustein des Quartetts, das in Tryon eine Medaille in der Mannschaftswertung anpeilt – 2017 bei der EM hatte Deutschland erstmals nach zehn Jahren eine solche verpasst. „Diesmal wollen wir wieder aufs Podest“, kündigt Bando an. Klarer Favorit auf Gold sind die seit 1996 ungeschlagenen Briten, dahinter streiten sich voraussichtlich Deutschland, Dänemark und die Niederlande um die weiteren Plätze.

Neben Elke Philipp haben Britta Bando und der Bundestrainer Bernhard Fliegl den erfahrenen Steffen Zeibig (Grade III) vom SGV Dresden auf Feel Good, die erstmals seit 2015 wieder startende Dr. Angelika Trabert (Grade III) vom Reitclub Hofgut-Petersau auf Diamond’s Shine und die Debütantin Regine Mispelkamp (Grade V) vom RV Seydlitz Kamp mit Look at me now nominiert. Als Ersatz steht die Grade-II-Reiterin Alina Rosenberg (BPRSV Cottbus/TRAB e.V. Konstanz) mit Nea’s Daboun parat.

Insgesamt werden in Tryon zwischen dem 18. und 22. September elf Medaillensets vergeben, eines in der Mannschaft, dazu im Einzel in jedem der fünf Grades jeweils in der Championatsaufgabe, in der Pflichtelemente zu zeigen sind, und in der Kür. Seit 2010 ist die Para-Dressur-Weltmeisterschaft ins Programm der Weltreiterspiele der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) integriert – zur allgemeinen Freude. Denn das Team Germany bildet tatsächlich eine große Einheit. „Wenn Isabell Werth startet, feuern wir sie an und sie macht das bei uns genauso. Das ist eine fantastische Sache“, sagt Britta Bando.

Quelle: Ben Schieler

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