DOSB - Olympiamannschaft


 

Annette Kögel ist Redakteurin des Tagesspiegels und Begründerin des Medienprojektes "Paralympics Zeitung" des Tagesspiegels. Sie schreibt hier monatlich einen Blog-Beitrag, der ihre eigene Meinung wiedergibt. Foto: Rückeis


Freie Bahn für alle // Annette Kögel freut sich über einen coolen Pokal - und gibt High five

Neulich war ich echt sprachlos, und einige würden sagen: Das will was heißen. Bei der Verleihung des German Paralympic Media Award wurde ich ganz beiläufig auf die Bühne gebeten, die Radsporttype Hans-Peter Durst überreichte mir im Namen der paralympischen Familie den Ehrenpreis für nachhaltigen Journalismus über Behindertensport und auf der Leinwand lief ein Porträtfilm mit coolen Fotos unseres Paralympics-Zeitung-Fotografen Thilo Rückeis zu meinem Berufsleben!

Gregor Doepke und Joachim Breuer von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und alle Mitinitiatoren - ihr habt mir echt eine Freude bereitet. Ehrlich dachte ich auch kurz: Hey, Lebenswerk, ich werde alt! Moderator Claus Lufen fragte, ob es einst ein Schlüsselerlebnis gab: Ja. Meinen Vater, der lebensfrohe Kämpfer, mit Multipler Sklerose im Rollstuhl, diagnostiziert, als ich 18 war. Er zeigt mir, dass Menschen mit Behinderungen kein Mitleid brauchen, sondern eine Bühne. Dir widme ich den Preis!

In einer Filmszene auf der DGUV-Internetseite hockt unsereins mit dem Schreibblock zwischen den Zähnen im Handbike: Ihr Paralympioniken habt mich inspiriert, bewegt, bereichert. Schauspieler Matthias Schweighöfer trainiert jetzt im Rennrollstuhl, für einen Werbefilm für die Leichtathletik-EM der Behinderten in Berlin vom 20. bis 26. August. Klasse. Mein Dank geht an alle, die früh mit am Rollstuhl-Rad für Inklusion drehten: Thomas Rugo, Uli Gasper, Hans Georg Näder, Rüdiger Herzog, Christin Gunkel, Ralf Otto, Karin Preugschat, Clara Kaminsky, alle im Tagesspiegel, die mittun, und all jene, die mir einst freie Bahn gaben.

Am Podest falsch verbunden / Annette Kögel wägt ab, was von den Spielen in Korea bleibt

Es sind diese Gänsehautmomente. Die jungen Journalisten unserer Paralympics Zeitung haben sie während der Spiele in der Whatsapp-Gruppe geteilt: Da sitzen zwei unserer jungen Leute in einer voll besetzten Sporthalle, und der Bär tobt. Da klatscht der Präsident Moon Jae In Menschen zu, die sonst im Land absolute Außenseiter sind: Schwerbehinderte. Und die Präsidenten-Gattin jubelt im Korea-Shirt den Amputierten und Querschnittgelähmten unten auf den Schlitten beim Para Eishockey zu. Bronze für Korea! Und Gold für die Menschenrechte!

Längst sind die Mannschaften alle zurück in der Heimat. Doch auch diesmal, so sieht es aus, gibt es wieder eine „Legacy“ der Paralympischen Spiele. Zum Erbe gehört, dass Nichtregierungsorganisationen, die sich anlässlich der Spiele gegen die Isolierung von Menschen mit Behinderungen etwa an Sonderschulen einsetzten, gehört wurden. Das zuständige Sportministerium will jetzt in die Modernisierung von Sportanlagen investieren, um einige barrierefrei zu machen. Sogar von einer geplanten Kampagne ist zu hören, die Hunderttausende von behinderten Menschen in Korea zum Sporttreiben animieren soll. Und schon im Vorfeld der Spiele hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) - wie immer - Schüler, Lehrer und Studenten durch Vorbereitungsseminare auf die Paralympics eingestimmt.

Erfreulicherweise haben zu deren Finale hin das Koreanische Paralympische Komitee und die Agitos Stiftung des IPC zur weltweiten Förderung des paralympischen Sports einen Vertrag fürs Erbe der Spiele geschlossen - im Lande soll Para-Sport gefördert, unterstützt und ausgewertet werden. Es soll beispielsweise internationale Workshops für Offizielle, Trainer, Athleten und Klassifizierer im „KPC Icheon Training Centre“ geben. IPC-Präsident Andrew Parsons und der Präsident des Koreanischen Paralympischen Komitees, Myungho Lee, unterzeichneten den Vertrag, und Jongwhan Do, der koreanische Minister für Kultur, Sport und Tourismus, sowie Heebeon Lee, Präsident des Organisationskomitees von Olympia und Paralympics 2018, waren anwesend. Das ist „Namedropping“ mit Mehrwert, gegen Stigmatisierung.

So kann es weiter gehen, 2020 Sommerspiele in Tokio, wo Behinderung und Hightech-Medizin eine große Bühne bekommen werden. 2022 dann die Winterspiele in Peking. Asien, immer wieder Asien. Die Spiele dienen immerhin dort als Katalysator für Gleichberechtigung, wo die Megaevents Olympia und Paralympia gewollt werden. Andere Nationen in anderen Breitengraden sträuben sich wegen der hohen Investitionskosten, der Umweltkritik - mangelnde Nachhaltigkeit! - und politischer Bedenken. Den Nutzen der Spiele kann niemand wirklich auf den Cent berechnen. Bedauernswert ist beispielsweise, dass die millionenteuren Anlagen in Rio de Janeiro längst schon wieder in der feuchten Hitze vor sich hin rotten. Doch jedes einzelne Menschenleben, das in Würde gelebt werden darf, ist jeden Cent wert, finde ich.

Eines könnten die Koreaner aber nach den Spielen noch ein wenig trainieren: Gelassenheit und Einfühlungsvermögen.Der Jubel im Stadion war ja schon mal Weltklasse. Aber dass die Volunteers mit Beamtenhabitus noch während der letzten Siegerehrungen die Plakate und Absperrungen um die Treppchen herum abräumten und unverzüglich nach dem letzten Wettkampf den Interview-Fragestellern die Mixed Zone förmlich unter den Füßen wegrissen, ist so gar nicht medaillenverdächtig. Leute, euer Motto hieß: Passion. Connected. Aber da war jemand falsch verbunden.

Aus der Traum / Annette Kögel erinnert sich an alte und freut sich auf neue Sportarten

Es ist zum Eisfachtür zuschlagen. Schon wieder ist der Paralympics-Traum für die deutschen Sledgehockeyspieler geplatzt. Oder, Entschuldigung, für das deutsche Team im Para Ice Hockey. So heißt die Sportart jetzt bei den Winter-Paralympics. Und damit müssen die Fans bei den Partien der Spiele in Pyeongchang im nächsten Frühjahr wohl wieder die Gegner im Geiste anfeuern.

Mensch! Sie waren mal wieder so dicht dran im Endspiel um die Paralympics-Teilnahme ge-gen Schweden in Östersund. Das Ziel: Das letzte Ticket für die Paralympischen Spiele 2018. Beide Teams lieferten sich einen packenden Fight - bis zur letzten Spielminute, wie auch der Deutsche Behindertensportverband bilanziert. Die Chance war zum Greifen nahe, schließlich hätte Deutschland aufgrund des Sieges gegen die Slowakei sogar ein Unentschieden nach regulärer Spielzeit zur Teilnahme an den Paralympics gereicht. Doch wie schon vor vier Jah-ren verpasste das Team die Reise zu den Spielen.

Nach einer lange Zeit guten und beherzten Leistung verließ die deutsche Auswahl frustriert mit hängenden Köpfen das Eis. Neben Schweden sicherten sich Japan und Tschechien die Teilnahme an den Spielen. Für die Deutschen wurde es nichts mit der zweiten Paralympics-Teilnahme nach 2006. Während die Gastgeber jubelten, war die Enttäuschung bei der Mannschaft von Cheftrainer Andreas Pokorny riesig. "Bis auf die Chancenverwertung kann ich den Jungs keinen Vorwurf machen, sie haben alles gegeben und waren über weite Strecken die bessere Mannschaft", sagte er.

Aber wer die Mannschaft kennt, der weiß, dass viele trotzdem weitermachen werden. Auf dem Eis gibt es für Amputierte wie bei den Schwimmern im Wasser dieses beson-dere Gefühl von Freiheit. Wer nur noch kurze Gliedmaßen besitzt oder gar keine, ist in punkto Wendigkeit jenen Athleten mit beispielsweise nur einem amputierten Bein klar im Vorteil. Im Team müsse es jetzt "einen kompletten Neuaufbau geben, und wir müs-sen noch mehr tun, wenn wir in vier Jahren in Peking dabei sein wollen", sagt Teammanager Ian Wood.

Ich kann nur sagen: Bleibt dran. Para Ice Hockey ist einfach ein spannender, stim-mungsgeladener Sport. Und treffen könntet ihr euch ja alle mal zum motivierenden Winterumtrunk im nördlichsten offiziellen Stammlokal der deutschen paralympischen Wintersportmannschaft, der Ständigen Vertretung in Mitte!

Durch nichts aufzuhalten // Annette Kögel über die niemals aufgebende Christiane Reppe

Paralympioniken sind einiges gewohnt. Wer keine Beine mehr hat, der läuft schon mal auf Händen beispielsweise durch den Flugzeuggang zum Sitzplatz. Wenn der Fahrstuhl mal nicht funktioniert, rutscht man eben auf dem Treppengeländer nach unten. Und wenn der eigene Verband vergisst, einen für eine Weltmeisterschaft zu melden? Nun, selbst dann kann es irgendwie doch möglich werden, mit zwei Goldmedaillen genau diese WM zu verlassen.

Als Christiane Reppe mitbekam, dass der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vergessen hatte, sie für die Paracycling-Weltmeisterschaften in Pietermaritzburg in Südafrika final anzumelden, drehte sie schon am Rad. Die 30 Jahre alte Handbikerin hatte intensiv trainiert, beste Chancen auf Medaillen - und dann das. Auch beim DBS saß der Schrecken tief, war die Vorzeigeathletin doch in der ersten Runde angemeldet worden. Aber dann hatte jemand einfach vergessen, einen Namen in die Maske auf dem Bildschirm zu tippen. Ein typischer Fehler, wie er jedem passieren kann. Wie er aber nun Christiane Reppe traf.

Und die gebürtige Dresdnerin wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch noch auf die darauffolgende Panne mit Humor reagiert hätte. So postete sie auf Facebook sich selbst mit den ihr trotzdem zugeschickten Bögen für die Dopingkontrolle: "Irgendwie bin auch ich manchmal sprachlos. Da lässt die UCI mich nicht starten bei der Paracycling-Weltmeisterschaft und schickt mir dann aber trotzdem die Dopingkontrolle vorbei!" Die überkorrekte UCI ist der Radsport-Weltverband.

Es gab dann natürlich Medienberichte, der Bund Deutscher Radfahrer und auch der DBS versuchten erneut, das Rad in Bewegung zu setzen. Aber nichts half. Reppe, der im Alter von fünf Jahren das rechte Bein wegen eines bösartigen Tumors amputiert werden musste, machte aber wie gewohnt noch aus allem das Beste. Sie entschied sich, trotzdem nach Südafrika mitzufliegen, das Team zu stärken und von den Wettkämpfen aus die Social-Media-Kanäle zu bespielen. Und als sie gerade mit dem Auto auf dem Weg von Johannesburg nach Pietermaritzburg war, kam der Anruf vom DBS: Du darfst doch starten!

Allerdings hatte Reppe ihr Handbike nicht dabei. Doch auch dafür hatte sie die passende Lösung. Dem Vater in Deutschland beschrieb sie am Telefon, wie er daheim das Handbike auseinanderschrauben solle. Hans-Jürgen Reppe bekam den Anruf am Montagnachmittag, am frühen Abend saß er samt Sportzubehör im Flieger Richtung Südafrika. Am Donnerstag hatte Christiane Reppe ihr erstes Rennen. Auf dem bergigen Kurs distanzierte die Paralympics-Siegerin ihre Konkurrentinnen in der Startklasse H4 um über eine Minute. Die Athletin vom GC Nendorf gewann ihren dritten WM-Titel, es war der erste im Zeitfahren. Und sie holte sogar noch eine Goldmedaille, im Straßenrennen. Auf dem Siegerpodest kullerten ihr Freudentränen während der Nationalhymne die Wangen hinab. "Ich bin megaglücklich. Jetzt fällt gerade alles von mir ab", sagte Reppe.

Davon war das gesamte deutsche Team beflügelt. Die deutsche Nationalmannschaft von Bundestrainer Patrick Kromer jubelte bei der Para-Radsport-WM insgesamt über zehnmal Gold, viermal Silber und sechsmal Bronze. So sprinteten Kerstin Brachtendorf, Pierre Senska und völlig überraschend Tobias Vetter im Straßenrennen zu Gold. Denise Schindler und Steffen Warias gewannen Silber und Michael Teuber holte ebenso Bronze wie das Team.

Zum Abschluss räumte das Trio Bernd Jeffré, Mariusz Frankowski und Andrea Eskau noch Bronze im Team Relay und damit die 20. Medaille für Deutschland ab. Die größten Überraschungen aus deutscher Sicht schafften zwei WM-Debütanten: neben Goldmedaillengewinner Vetter ließ die 24 Jahre alte Raphaela Eggert mit Silber im Zeitfahren aufhorchen.

Außerdem gibt es im deutschen Team nun sogar drei Doppel-Weltmeister: Hans-Peter Durst, Andrea Eskau - und die unaufhaltsame Christiane Reppe.

Mit Mut gegen Depressionen // Annette Kögel über ein Projekt, das seelische Erkrankungen thematisiert

Ganz ehrlich: Als ich anno 2003 gefragt wurde, ob ich als Schulmedienprojektleiterin beim Tagesspiegel eine Jungjournalistenzeitung anlässlich der Paralympischen Spiele in Athen aufbauen möchte, hielt ich erst einmal inne. Von diesen Spielen der Menschen mit teils schweren Körperbehinderungen live zu berichten, wie kann man so etwas denn seelisch verkraften?

Nach dem ersten Reportereinsatz 2004 in Griechenland waren letzte Zweifel verflogen: Statt seelische Tiefs selbst als Zuschauer durchzustehen, ist man während der Paralympischen Spiele im sportlichen Dauerrausch, es gibt Adrenalin ohne Ende und positive Vibrationen vom Startschuss bis zum Löschen der Paralympischen Flamme.

Dennoch wird überall in der Mixed-Zone in den Stadien oder auch während der Empfänge am Abend im privaten Gespräch ehrlich über den langen Weg vom Schicksalsschlag bis zum Siegeszug dank des Leistungssports geredet. Etliche Sportler hatten einst Gedanken an einen Suizid.

Wie sehr Sport aus Depressionen heraushelfen kann, das weiß auch der Förderer der Paralympics Zeitung des Tagesspiegel, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Die DGUV unterstützt schon seit Jahren frühere Paralympicssieger wie Kirsten Bruhn oder Heinrich Popow dabei, Unfallopfern wieder Mut zu machen.

Seit 2012 gibt es zudem auch eine sogenannte Mut-Tour, die in diesem Jahr bis zum 25. August durch Deutschland zieht, mitsamt Zwischenstopp in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) in Frechen. Das Aktionsprogramm will einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leisten. Dafür haben bis zum vergangenen Jahr insgesamt 126 depressionserfahrene und auch unerfahrene Menschen über 22 000 Kilometer Mutmachertour zurückgelegt. Der DBS unterstützt die Mut-Tour als Bundespartner - wie auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, das Bündnis gegen Depression und der Fahrrad-Club ADFC.

Die Mut-Tour wird von der Deutschen Depressions-Liga organisiert, die Barmer und die Deutsche Rentenversicherung Bund sind Kostenträger. Damit steht ein großes, kompetentes Team auf dem Platz mit dem Ziel, Menschenleben zu retten. Zu viele Tode, auch von körperlich nicht behinderten, aber psychisch Qualen erleidenden Spitzensportlern wie Robert Enke waren schon zu beklagen. Haben wir alle den Mut zum Tabubruch, zum Reden, zum Helfen - zum Leben!


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