DOSB - Olympiamannschaft


 

Annette Kögel ist Redakteurin des Tagesspiegels und Begründerin des Medienprojektes "Paralympics Zeitung" des Tagesspiegels. Sie schreibt hier monatlich einen Blog-Beitrag, der ihre eigene Meinung wiedergibt. Foto: Rückeis


Ehre, wem Ehre gebührt // Annette Kögel gratuliert den paralympischen Sportlern des Jahres

Düsseldorf, Düsseldorf, da war doch was? Ach ja! Im Jahr 2004 war ich auf der ersten coolen Party meiner Schreiberlaufbahn mit Paralympics-Protagonisten. Und wie habe ich damals bei meiner Premiere in der Stadthalle Düsseldorf über die abrockenden Prothesenträger gestaunt! Wie kamikazemäßig die Rollifahrerinnen auf dem Dancefloor herumwirbelten! Damals, bei der Gala nach der ersten Runde der Paralympics Zeitung (PZ) des Tagesspiegels gemeinsam mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, überwand ich meine hier und da noch aufkommende Unsicherheit gegenüber Leistungssportlern mit Behinderungen und habe einfach mal volle Pulle mitgerockt.

Jetzt hieß es also: zurück zu den Wurzeln - bei der Ehrung der Para-Sportler des Jahres 2018, als sich die alt gewordene und jung gebliebene paralympische Familie in Düsseldorf auf einer festlichen Gala wiedertraf. Dabei waren die sportlichen Heldinnen und Helden von Pyeongchang. Und, so beobachtete es einer der geschätzten Paralympics-Kollegen der Deutschen Presse-Agentur, Holger Schmidt, da kamen einer großen paralympischen Dame Freudentränen: Nach der Wahl zur Para-Sportlerin des Jahres flossen diese bei Andrea Eskau, achtmalige Paralympics-Siegerin im Sommer (Handbike) wie im Winter (Biathlon und Langlauf). Auch ihre Mutter Gisela war glücklich über den doppelten Wahlsieg, Frauen und Team. Die 47-jährige vom USC Magdeburg, Diplompsychologin, trug bei den Spielen in Südkorea die Fahne.

„Ich kenne sie seit vielen Jahren, aber ich habe zum ersten Mal gesehen, dass sie vor Freude weint“, sagte Friedhelm Julius Beucher. Warum die aus Thüringen stammende und nahe Köln wohnende Eskau die Wahl gegen ihre in den sozialen Netzwerken teils sehr aktiven Konkurrentinnen gewann? „Die Menschen haben gemerkt, dass an dieser tollen Athletin und tollen Frau in diesem Jahr kein Weg vorbeiging“, sagte Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Die seit einem Fahrradunfall 1998 querschnittgelähmte Eskau war kurz nach den Spielen nach Mallorca geflogen, natürlich zum Trainieren, und da wurde sie vom Piloten per Durchsage begrüßt. Im Hotel sprachen sie plötzlich fremde Menschen an, wollten Autogramme und Fotos. Recht so!

Behindertensportler des Jahres wurde bei den Männern der Freiburger Martin Fleig als nordischer Goldmedaillen-Sieger der Winterspiele von Südkorea im März. Die Rostocker Schwimmerin Denise Grahl wurde nach drei EM-Titeln Nachwuchssportlerin des Jahres. Der zweimalige Paralympics-Sieger Heinrich Popow (Leverkusen) erhielt drei Monate nach Karriereende den DBS-Ehrenpreis - auf diese Ehrung waren wir von der PZ übrigens vor drei Jahren in Köln stolz. Die Para-Mannschaft 2018 wurde im Ski nordisch die Staffel (Alexander Ehler, Steffen Lehmker, Andrea Eskau).

Ach so, nochmal Glückwunsch: Marianne Buggenhagen, querschnittgelähmte neunmalige Paralympics-Siegerin, die mit Diskus-Silber in Rio 2016 ihre Karriere beendete, bekam jüngst im Ratssaal des Rathauses ihres Wahlheimatortes Bernau das Bundesverdienstkreuz am Bande. Und zwar so was von verdient.

 

 

Auf die Plätze, fertig, Öko! // Annette Kögel über die neuen Medaillen bei den Spielen 2020

Medaillen haben etwas Magisches. Deswegen will sie jeder gern anfassen, raufbeißen - oder sie gar selbst haben. Auch wenn dafür kein Tropfen Schweiß geflossen ist. Handbikerin Christiane Reppe zum Beispiel hat ihre Goldmedaille aus Rio einmal zu einer Pressekonferenz anlässlich des Berlin-Marathons mitgenommen. Danach war das Metall mit identischem Geldwert wie eine olympische Medaille - aber mit unbezahlbarer ideeller Bedeutung - aus der Handtasche verschwunden. Einfach weg, von jetzt auf gleich. Reppe blieb keine Wahl: Sie erstattete Anzeige.

Ähnlich ging es dem norwegischen Skistar Kjetil Andre Aamodt. Dem Doppel-Olympiasieger von 2002 und Weltmeister hatten Diebe bei einem Einbruch in sein Osloer Haus alle 19 Medaillen aus dem Safe gestohlen. Auch die Medaille des deutschen Turners Hermann Weingärtner von den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen wurde gestohlen, vor acht Jahren war das. Damals hatte die japanische Gesellschaft zur Förderung von Sport und Gesundheit die aus einer unverschlossenen Vitrine in einem Museum nahe dem Olympiastadion verschwundene Silber-Plakette beklagt. Ja, Silber - denn Gold, Silber und Bronze wurden erst ab 1908 verliehen. Da gab es noch die Disziplinen Tauziehen, Hallentennis und Standweitsprung Nichtbehinderter, aber das nur am Rande.

Für die Sieger von Olympia und den Paralympics gibt es 2020 in Tokio Recycling-Medaillen. Laut dem Organisationskomitee wurden nach einem landesweiten Aufruf nicht mehr genutzte elektronische Geräte wie Smartphones, digitale Kameras oder Laptops gesammelt. Die alten Elektronikgeräte ergaben 2,7 Tonnen Bronze, 1,8 Tonnen Silber und 16,5 Kilogramm Gold für die Medaillen-Produktion. Auf die Plätze, fertig, Öko!

Das wird auch den Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Andrew Parsons, freuen, der am Dienstag vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bei seiner Versammlung in Buenos Aires in das Gremium gewählt wurde. Der Brasilianer ist damit einer der neun neuen IOC-Mitglieder, insgesamt sind es mehr als 100. Ein weiterer Schritt zur Inklusion.

Apropos Neuaufnahmen, Ehrungen und Treppchenerklettern: In Düsseldorf wurde am Sonntag Athletensprecher und Degenfechter Max Hartung auf der Vollversammlung aller Athletenvertreter im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für weitere vier Jahre als Vorsitzender und Sprecher der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes wiedergewählt. Seine Stellvertreterin wurde die Sportschützin und Paralympics-Siegerin von 2004, Manuela Schmermund. Die durch einen Verkehrsunfall querschnittgelähmte Athletin war bei fünf Paralympics dabei, hat dort oft schon für Mitstreiterinnen und Mitstreiter die Stimme erhoben und löst nun Silke Kassner ab. Sie durfte nach zwei Wahlperioden nicht wieder antreten.

Die Dresdnerin Christiane Reppe hingegen wird mit dem Behindertensport weitermachen. Nach dem unfreiwilligen Goldmedaillenverlust 2016 bekam sie dann doch noch eine Ersatz-Goldmedaille um den Hals gehangen - vom Oberbürgermeister der sächsischen Landeshauptstadt, Dirk Hilbert (FDP). Die Stadtverwaltung hatte sie extra beim Internationalen Paralympischen Komitee in Bonn angefragt. Im Kongresszentrum war das Licht kurz gelöscht, als die Medaille hereingebracht wurde. Christiane Reppe probierte gleich aus, ob die Medaille genauso rasselt wie das Original - damit Blinde nicht nur in Braille lesen können, welche das ist. In der Goldenen klingen die Metallstücke am kräftigsten.

Annette Kögel ist für Serdal Celibi als erster blinder Kicker vom Tor des Monats

Wie viele Räder hat ein Fahrrad?

Sie überlegen bei dieser Frage zum Einstieg, ob mit mir noch alles in Ordnung ist? Keine Sorge, alles gut. Genau diese Frage soll ich zunächst beantworten, wenn ich bei der aktuellen Tor-des-Monats-Abstimmung für August mitklicken will. Damit alles fair zugeht und die menschliche Logik beweist, dass keine künstliche Abstimmungsmaschine oder Ranking-Verbesserer für Internet-Suchmaschinen hinter dem Onlinenutzer stecken.

Also: zwei Räder hat ein Fahrrad. Und eins ist neu: Dass erstmals mit Serdal Celibi ein blinder Fußballer für das „Tor des Monats“ nominiert ist. Der im Mai 1984 geborene und für den FC St. Pauli spielende Hamburger mit der Rückennummer 3 hatte sein Debüt beim Freundschaftsspiel gegen Rumänien im April 2014. Länderspiele vier, Länderspieltore eins, so bilanziert die Seite blindenfussball.net. Und jetzt das: Serdi, wie der Kicker genannt wird, trifft für seinen Verein im Finale der deutschen Blindenfußball-Bundesliga gegen den MTV Stuttgart zum 1:2-Endstand. Das Finale für die deutsche Meisterschaft ging zwar verloren, aber vielleicht gewinnt der Mann jetzt in einem anderen Wettbewerb. Das Ding in die linke obere Ecke zieht er nämlich krass ab: Meine Wahl fällt auf das Tor Nummer vier. Okay, auch Marvin Plattenhardts Volley-Treffer für Hertha BSC im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig zum 1:0 ist nicht von schlechten Eltern (Tor Nummer drei). Und Tor fünf, Mike Frantz stoppt den Ball mit der Brust und trifft für den SC Freiburg im DFB-Pokal gegen Energie Cottbus zum 1:1 - auch nicht übel.

Doch viele sehende Spieler sind beim Probekick schon bei einem Testlauf mit blinden oder sehbehinderten Spielern gescheitert. Die können nämlich ohne Sicht, dafür dank Rasseln im Ball und durch die Rufe von Trainern und Torwart treffen. Und dank sehr viel Ballgefühl. Wegen der Schwierigkeit zu passen, sind auch Alleingänge vorm Tor nicht egoistisch verwerflich. Eine Portion Kamikazetum gehört auch dazu, denn: Kopfschutz drübergezogen, die „Voy!“-Rufe des ballhabenden Gegners im Ohr - hier und da scheppern Spieler zusammen oder auch mal in die Bande. Habe ich bei Paralympischen Spielen in London, Peking - und bei der Blindenkickerpremiere in Athen 2004 selbst schon miterlebt.

Blindenfußballpartien dauern kürzer als die der Sehenden, sie sind in Deutschland, wie bei der EM 2017, noch etwas Besonderes. In Brasilien oder auch in Spanien, wo Nichtsehende seit zwei Jahrzehnten organisiert spielen, ist das etwas anders. Dort sind schon mal tausende Fans in den Stadien, obwohl sie nicht laut anfeuern dürfen, damit die Spieler den Ball überhaupt erahnen können.

Jetzt ging es für den 34 Jahre alten und wohl stets gut gelaunten deutschen Nationalspieler Celebi mit viel Gefühl am Fuß direkt in die Riege der nominierten Kicker in die Sportschau vom Ersten. Beim Klassiker der Fußball-Gewinnspiele - mir klingt immer noch die alte Tor-des-Monats-Melodie in den Ohren - küren die Zuschauer seit 1971 jeden Monat das beste und spektakulärste Tor. Für den August-Treffer kann man noch bis zum 15. September, 19 Uhr, abstimmen. Und durchs Mitklicken sogar eine zehntägige Expeditions-Seereise für zwei Personen mit Hurtigruten entlang der Westküste Europas gewinnen.

Wir wünschen „Serdi“ den Sieg von Herzen. Möge er nicht der einzige potenzielle Blindenkick-Torschütze des Monats bleiben! Haben Sie einen Treffer dokumentiert, den Sie vorschlagen wollen? Nur zu! Vorschläge kann man mit Video senden an: tordesmonats@wdr.de

Freie Bahn für alle // Annette Kögel freut sich über einen coolen Pokal - und gibt High five

Neulich war ich echt sprachlos, und einige würden sagen: Das will was heißen. Bei der Verleihung des German Paralympic Media Award wurde ich ganz beiläufig auf die Bühne gebeten, die Radsporttype Hans-Peter Durst überreichte mir im Namen der paralympischen Familie den Ehrenpreis für nachhaltigen Journalismus über Behindertensport und auf der Leinwand lief ein Porträtfilm mit coolen Fotos unseres Paralympics-Zeitung-Fotografen Thilo Rückeis zu meinem Berufsleben!

Gregor Doepke und Joachim Breuer von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und alle Mitinitiatoren - ihr habt mir echt eine Freude bereitet. Ehrlich dachte ich auch kurz: Hey, Lebenswerk, ich werde alt! Moderator Claus Lufen fragte, ob es einst ein Schlüsselerlebnis gab: Ja. Meinen Vater, der lebensfrohe Kämpfer, mit Multipler Sklerose im Rollstuhl, diagnostiziert, als ich 18 war. Er zeigt mir, dass Menschen mit Behinderungen kein Mitleid brauchen, sondern eine Bühne. Dir widme ich den Preis!

In einer Filmszene auf der DGUV-Internetseite hockt unsereins mit dem Schreibblock zwischen den Zähnen im Handbike: Ihr Paralympioniken habt mich inspiriert, bewegt, bereichert. Schauspieler Matthias Schweighöfer trainiert jetzt im Rennrollstuhl, für einen Werbefilm für die Leichtathletik-EM der Behinderten in Berlin vom 20. bis 26. August. Klasse. Mein Dank geht an alle, die früh mit am Rollstuhl-Rad für Inklusion drehten: Thomas Rugo, Uli Gasper, Hans Georg Näder, Rüdiger Herzog, Christin Gunkel, Ralf Otto, Karin Preugschat, Clara Kaminsky, alle im Tagesspiegel, die mittun, und all jene, die mir einst freie Bahn gaben.

Am Podest falsch verbunden / Annette Kögel wägt ab, was von den Spielen in Korea bleibt

Es sind diese Gänsehautmomente. Die jungen Journalisten unserer Paralympics Zeitung haben sie während der Spiele in der Whatsapp-Gruppe geteilt: Da sitzen zwei unserer jungen Leute in einer voll besetzten Sporthalle, und der Bär tobt. Da klatscht der Präsident Moon Jae In Menschen zu, die sonst im Land absolute Außenseiter sind: Schwerbehinderte. Und die Präsidenten-Gattin jubelt im Korea-Shirt den Amputierten und Querschnittgelähmten unten auf den Schlitten beim Para Eishockey zu. Bronze für Korea! Und Gold für die Menschenrechte!

Längst sind die Mannschaften alle zurück in der Heimat. Doch auch diesmal, so sieht es aus, gibt es wieder eine „Legacy“ der Paralympischen Spiele. Zum Erbe gehört, dass Nichtregierungsorganisationen, die sich anlässlich der Spiele gegen die Isolierung von Menschen mit Behinderungen etwa an Sonderschulen einsetzten, gehört wurden. Das zuständige Sportministerium will jetzt in die Modernisierung von Sportanlagen investieren, um einige barrierefrei zu machen. Sogar von einer geplanten Kampagne ist zu hören, die Hunderttausende von behinderten Menschen in Korea zum Sporttreiben animieren soll. Und schon im Vorfeld der Spiele hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) - wie immer - Schüler, Lehrer und Studenten durch Vorbereitungsseminare auf die Paralympics eingestimmt.

Erfreulicherweise haben zu deren Finale hin das Koreanische Paralympische Komitee und die Agitos Stiftung des IPC zur weltweiten Förderung des paralympischen Sports einen Vertrag fürs Erbe der Spiele geschlossen - im Lande soll Para-Sport gefördert, unterstützt und ausgewertet werden. Es soll beispielsweise internationale Workshops für Offizielle, Trainer, Athleten und Klassifizierer im „KPC Icheon Training Centre“ geben. IPC-Präsident Andrew Parsons und der Präsident des Koreanischen Paralympischen Komitees, Myungho Lee, unterzeichneten den Vertrag, und Jongwhan Do, der koreanische Minister für Kultur, Sport und Tourismus, sowie Heebeon Lee, Präsident des Organisationskomitees von Olympia und Paralympics 2018, waren anwesend. Das ist „Namedropping“ mit Mehrwert, gegen Stigmatisierung.

So kann es weiter gehen, 2020 Sommerspiele in Tokio, wo Behinderung und Hightech-Medizin eine große Bühne bekommen werden. 2022 dann die Winterspiele in Peking. Asien, immer wieder Asien. Die Spiele dienen immerhin dort als Katalysator für Gleichberechtigung, wo die Megaevents Olympia und Paralympia gewollt werden. Andere Nationen in anderen Breitengraden sträuben sich wegen der hohen Investitionskosten, der Umweltkritik - mangelnde Nachhaltigkeit! - und politischer Bedenken. Den Nutzen der Spiele kann niemand wirklich auf den Cent berechnen. Bedauernswert ist beispielsweise, dass die millionenteuren Anlagen in Rio de Janeiro längst schon wieder in der feuchten Hitze vor sich hin rotten. Doch jedes einzelne Menschenleben, das in Würde gelebt werden darf, ist jeden Cent wert, finde ich.

Eines könnten die Koreaner aber nach den Spielen noch ein wenig trainieren: Gelassenheit und Einfühlungsvermögen.Der Jubel im Stadion war ja schon mal Weltklasse. Aber dass die Volunteers mit Beamtenhabitus noch während der letzten Siegerehrungen die Plakate und Absperrungen um die Treppchen herum abräumten und unverzüglich nach dem letzten Wettkampf den Interview-Fragestellern die Mixed Zone förmlich unter den Füßen wegrissen, ist so gar nicht medaillenverdächtig. Leute, euer Motto hieß: Passion. Connected. Aber da war jemand falsch verbunden.

Aus der Traum / Annette Kögel erinnert sich an alte und freut sich auf neue Sportarten

Es ist zum Eisfachtür zuschlagen. Schon wieder ist der Paralympics-Traum für die deutschen Sledgehockeyspieler geplatzt. Oder, Entschuldigung, für das deutsche Team im Para Ice Hockey. So heißt die Sportart jetzt bei den Winter-Paralympics. Und damit müssen die Fans bei den Partien der Spiele in Pyeongchang im nächsten Frühjahr wohl wieder die Gegner im Geiste anfeuern.

Mensch! Sie waren mal wieder so dicht dran im Endspiel um die Paralympics-Teilnahme ge-gen Schweden in Östersund. Das Ziel: Das letzte Ticket für die Paralympischen Spiele 2018. Beide Teams lieferten sich einen packenden Fight - bis zur letzten Spielminute, wie auch der Deutsche Behindertensportverband bilanziert. Die Chance war zum Greifen nahe, schließlich hätte Deutschland aufgrund des Sieges gegen die Slowakei sogar ein Unentschieden nach regulärer Spielzeit zur Teilnahme an den Paralympics gereicht. Doch wie schon vor vier Jah-ren verpasste das Team die Reise zu den Spielen.

Nach einer lange Zeit guten und beherzten Leistung verließ die deutsche Auswahl frustriert mit hängenden Köpfen das Eis. Neben Schweden sicherten sich Japan und Tschechien die Teilnahme an den Spielen. Für die Deutschen wurde es nichts mit der zweiten Paralympics-Teilnahme nach 2006. Während die Gastgeber jubelten, war die Enttäuschung bei der Mannschaft von Cheftrainer Andreas Pokorny riesig. "Bis auf die Chancenverwertung kann ich den Jungs keinen Vorwurf machen, sie haben alles gegeben und waren über weite Strecken die bessere Mannschaft", sagte er.

Aber wer die Mannschaft kennt, der weiß, dass viele trotzdem weitermachen werden. Auf dem Eis gibt es für Amputierte wie bei den Schwimmern im Wasser dieses beson-dere Gefühl von Freiheit. Wer nur noch kurze Gliedmaßen besitzt oder gar keine, ist in punkto Wendigkeit jenen Athleten mit beispielsweise nur einem amputierten Bein klar im Vorteil. Im Team müsse es jetzt "einen kompletten Neuaufbau geben, und wir müs-sen noch mehr tun, wenn wir in vier Jahren in Peking dabei sein wollen", sagt Teammanager Ian Wood.

Ich kann nur sagen: Bleibt dran. Para Ice Hockey ist einfach ein spannender, stim-mungsgeladener Sport. Und treffen könntet ihr euch ja alle mal zum motivierenden Winterumtrunk im nördlichsten offiziellen Stammlokal der deutschen paralympischen Wintersportmannschaft, der Ständigen Vertretung in Mitte!

Durch nichts aufzuhalten // Annette Kögel über die niemals aufgebende Christiane Reppe

Paralympioniken sind einiges gewohnt. Wer keine Beine mehr hat, der läuft schon mal auf Händen beispielsweise durch den Flugzeuggang zum Sitzplatz. Wenn der Fahrstuhl mal nicht funktioniert, rutscht man eben auf dem Treppengeländer nach unten. Und wenn der eigene Verband vergisst, einen für eine Weltmeisterschaft zu melden? Nun, selbst dann kann es irgendwie doch möglich werden, mit zwei Goldmedaillen genau diese WM zu verlassen.

Als Christiane Reppe mitbekam, dass der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vergessen hatte, sie für die Paracycling-Weltmeisterschaften in Pietermaritzburg in Südafrika final anzumelden, drehte sie schon am Rad. Die 30 Jahre alte Handbikerin hatte intensiv trainiert, beste Chancen auf Medaillen - und dann das. Auch beim DBS saß der Schrecken tief, war die Vorzeigeathletin doch in der ersten Runde angemeldet worden. Aber dann hatte jemand einfach vergessen, einen Namen in die Maske auf dem Bildschirm zu tippen. Ein typischer Fehler, wie er jedem passieren kann. Wie er aber nun Christiane Reppe traf.

Und die gebürtige Dresdnerin wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch noch auf die darauffolgende Panne mit Humor reagiert hätte. So postete sie auf Facebook sich selbst mit den ihr trotzdem zugeschickten Bögen für die Dopingkontrolle: "Irgendwie bin auch ich manchmal sprachlos. Da lässt die UCI mich nicht starten bei der Paracycling-Weltmeisterschaft und schickt mir dann aber trotzdem die Dopingkontrolle vorbei!" Die überkorrekte UCI ist der Radsport-Weltverband.

Es gab dann natürlich Medienberichte, der Bund Deutscher Radfahrer und auch der DBS versuchten erneut, das Rad in Bewegung zu setzen. Aber nichts half. Reppe, der im Alter von fünf Jahren das rechte Bein wegen eines bösartigen Tumors amputiert werden musste, machte aber wie gewohnt noch aus allem das Beste. Sie entschied sich, trotzdem nach Südafrika mitzufliegen, das Team zu stärken und von den Wettkämpfen aus die Social-Media-Kanäle zu bespielen. Und als sie gerade mit dem Auto auf dem Weg von Johannesburg nach Pietermaritzburg war, kam der Anruf vom DBS: Du darfst doch starten!

Allerdings hatte Reppe ihr Handbike nicht dabei. Doch auch dafür hatte sie die passende Lösung. Dem Vater in Deutschland beschrieb sie am Telefon, wie er daheim das Handbike auseinanderschrauben solle. Hans-Jürgen Reppe bekam den Anruf am Montagnachmittag, am frühen Abend saß er samt Sportzubehör im Flieger Richtung Südafrika. Am Donnerstag hatte Christiane Reppe ihr erstes Rennen. Auf dem bergigen Kurs distanzierte die Paralympics-Siegerin ihre Konkurrentinnen in der Startklasse H4 um über eine Minute. Die Athletin vom GC Nendorf gewann ihren dritten WM-Titel, es war der erste im Zeitfahren. Und sie holte sogar noch eine Goldmedaille, im Straßenrennen. Auf dem Siegerpodest kullerten ihr Freudentränen während der Nationalhymne die Wangen hinab. "Ich bin megaglücklich. Jetzt fällt gerade alles von mir ab", sagte Reppe.

Davon war das gesamte deutsche Team beflügelt. Die deutsche Nationalmannschaft von Bundestrainer Patrick Kromer jubelte bei der Para-Radsport-WM insgesamt über zehnmal Gold, viermal Silber und sechsmal Bronze. So sprinteten Kerstin Brachtendorf, Pierre Senska und völlig überraschend Tobias Vetter im Straßenrennen zu Gold. Denise Schindler und Steffen Warias gewannen Silber und Michael Teuber holte ebenso Bronze wie das Team.

Zum Abschluss räumte das Trio Bernd Jeffré, Mariusz Frankowski und Andrea Eskau noch Bronze im Team Relay und damit die 20. Medaille für Deutschland ab. Die größten Überraschungen aus deutscher Sicht schafften zwei WM-Debütanten: neben Goldmedaillengewinner Vetter ließ die 24 Jahre alte Raphaela Eggert mit Silber im Zeitfahren aufhorchen.

Außerdem gibt es im deutschen Team nun sogar drei Doppel-Weltmeister: Hans-Peter Durst, Andrea Eskau - und die unaufhaltsame Christiane Reppe.

Mit Mut gegen Depressionen // Annette Kögel über ein Projekt, das seelische Erkrankungen thematisiert

Ganz ehrlich: Als ich anno 2003 gefragt wurde, ob ich als Schulmedienprojektleiterin beim Tagesspiegel eine Jungjournalistenzeitung anlässlich der Paralympischen Spiele in Athen aufbauen möchte, hielt ich erst einmal inne. Von diesen Spielen der Menschen mit teils schweren Körperbehinderungen live zu berichten, wie kann man so etwas denn seelisch verkraften?

Nach dem ersten Reportereinsatz 2004 in Griechenland waren letzte Zweifel verflogen: Statt seelische Tiefs selbst als Zuschauer durchzustehen, ist man während der Paralympischen Spiele im sportlichen Dauerrausch, es gibt Adrenalin ohne Ende und positive Vibrationen vom Startschuss bis zum Löschen der Paralympischen Flamme.

Dennoch wird überall in der Mixed-Zone in den Stadien oder auch während der Empfänge am Abend im privaten Gespräch ehrlich über den langen Weg vom Schicksalsschlag bis zum Siegeszug dank des Leistungssports geredet. Etliche Sportler hatten einst Gedanken an einen Suizid.

Wie sehr Sport aus Depressionen heraushelfen kann, das weiß auch der Förderer der Paralympics Zeitung des Tagesspiegel, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Die DGUV unterstützt schon seit Jahren frühere Paralympicssieger wie Kirsten Bruhn oder Heinrich Popow dabei, Unfallopfern wieder Mut zu machen.

Seit 2012 gibt es zudem auch eine sogenannte Mut-Tour, die in diesem Jahr bis zum 25. August durch Deutschland zieht, mitsamt Zwischenstopp in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) in Frechen. Das Aktionsprogramm will einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leisten. Dafür haben bis zum vergangenen Jahr insgesamt 126 depressionserfahrene und auch unerfahrene Menschen über 22 000 Kilometer Mutmachertour zurückgelegt. Der DBS unterstützt die Mut-Tour als Bundespartner - wie auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, das Bündnis gegen Depression und der Fahrrad-Club ADFC.

Die Mut-Tour wird von der Deutschen Depressions-Liga organisiert, die Barmer und die Deutsche Rentenversicherung Bund sind Kostenträger. Damit steht ein großes, kompetentes Team auf dem Platz mit dem Ziel, Menschenleben zu retten. Zu viele Tode, auch von körperlich nicht behinderten, aber psychisch Qualen erleidenden Spitzensportlern wie Robert Enke waren schon zu beklagen. Haben wir alle den Mut zum Tabubruch, zum Reden, zum Helfen - zum Leben!


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Dieser Blog gibt die Meinung der Autorin wieder und muss nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Deutschen Behindertensportverbandes e.V. (DBS) widerspiegeln.

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