DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

"Spannen, Zielen, Loslassen" - Die Faszination Paralympischer Bogensport

"Spannen, Zielen, Loslassen" - Die Faszination Paralympischer Bogensport

Bogensport: Von der Kunst der Entschleunigung

Diese Atmosphäre, diese Stimmung, die vielen Zuschauer, all das wird Michael Müller nie vergessen. „Das habe ich in dieser Form noch nie erlebt“, schwärmte der 57-Jährige. Auf der Eröffnungsfeier der Weltmeisterschaften im paralympischen Bogenschießen in Donaueschingen durfte er am 23. August die deutsche Fahne tragen: „Das war natürlich ein ganz besonderer Moment.“
Müller ist ein typisches Beispiel für viele, die nach einem Unfall eine neue sportliche Orientierung suchen mussten, denen der Bogensport dabei half, das Leben mit der Behinderung anzunehmen. Müller hatte Volleyball gespielt, fuhr Ski, dann kam 1996 der schwere Autounfall. Vier Wochen Koma, der linke Unterschenkel musste amputiert werden, die Bewegung rechts ist stark eingeschränkt, er hat kein Gefühl in den Beinen. Es war ein schwerer Weg zurück, drei Jahre dauerte die Rehabilitation, in der er seinen neuen Sport kennenlernte. „Das Bogenschießen hat mich sofort fasziniert“, erzählt Müller. Pfeil und Bogen wurden ein wesentlicher Teil seines Lebens. 

 
Auch Cicek Akcakaya kommt aus dem Erzählen nicht mehr heraus, wenn es um den Bogensport geht. Sie sprudelt über vor Geschichten, vor Begeisterung, sie steckt an mit ihrer Euphorie für ihren Sport. Die Hamburgerin hat vor neun Jahren erstmals zum Bogen gegriffen. Und seitdem nie mehr aufgehört. „Der Bogensport macht viele Menschen glücklich“, sagt die 44-Jährige, die in der Hamburger Bogenschützengilde schießt.
Die Mathematikerin, die wegen einer Beeinträchtigung am Bein auch erfolgreich an Behindertenwettkämpfen teilnimmt, mehrfache Deutsche Meisterin und Co-Bundestrainerin für den Compound-Bereich ist, schätzt neben ihrem sportlichen Ehrgeiz vor allem die Möglichkeit völlig abzuschalten. Dass man ganz bei sich sein muss, entspannt und doch fokussiert: „Spannen, zielen, loslassen – das ist es.“


Ruhe, zu sich selbst finden, absolute Konzentration auf das Ziel – es ist Entschleunigung auf höchstem Niveau. Es ist der ideale Ausbruch aus dem hektischen Alltag. Was auf den ersten Blick wie ein Kinderspiel aussieht, erfordert viel Ausdauer, Übung und mentales Training. Schon der chinesische Philosoph Konfuzius meinte 550 vor Christus: „Beim Ziehen des Bogens kann man Tugend und Verhalten eines Menschen erkennen.“
Bogenschießen ist wegen seiner meditativen Eigenschaften längst als paralympischer Sport anerkannt. Und weil es eine Eigenschaft des Menschen ist, sich mit anderen sportlich messen zu wollen, werden natürlich auch Wettkämpfe ausgetragen. Bereits 1948 wurden in Stoke Mandeville in England die ersten Behindertensportwettbewerbe durchgeführt. Damals nahmen 130 Sportler aus zwei Ländern am Bogenschießen teil. Seit 1960 gehört es zum Programm der Paralympischen Spiele, die „Fußgänger“ schießen erst seit 1972 wieder bei Olympia. In diesem Sommer haben sich 280 Sportler und 190 Betreuer aus der ganzen Welt, aus fast 50 Nationen, für die Weltmeisterschaften der paralympischen Bogenschützen in Donaueschingen angemeldet.


Gold ist immer ihr Ziel. Die Mitte. „Das Ziel ist immer der perfekte Schuss. Dafür Man braucht man die absolute Ruhe“, erklärt Michael Müller die Faszination, der die meisten Bogenschützen erliegen. „Man wird süchtig nach diesem Gefühl von innerer Harmonie“, berichtet Britta Nordmeyer, 51. Die Technische Angestellte spannt seit elf Jahren ihren Bogen, unter anderem bei Master-Wettbewerben, nachdem sie vorher jahrelang gesegelt war. „Konzentration, Atmung, Haltung, der Wechsel aus Anspannung und Entspannung sind schon speziell“, sagt die Trainerin aus Hamburg: „Es ist eine ganz besondere Körpererfahrung, wenn man einzelne Muskelgruppen ansteuert.“
Bogenschießen wird darum häufig und erfolgreich in der Rehabilitation eingesetzt. Es fördert das Konzentrationsvermögen und die Kräftigung der Rücken-, Brust- und Schultermuskulatur. Es trainiert auch die für Rollstuhlfahrer so wichtige Sitzbalance.


Tatsächlich ist es erst einmal schwierig, so einen Bogen mit einem Arm zitterfrei gerade Richtung Ziel auszurichten. Das Visier zum Gold einstellen, mit dem Führungsauge die Mitte fixieren. Dabei den Körper gerade zu halten Und dann die Sehne zu spannen, weiter, bis zum Kinn und  noch weiter. Das braucht Kraft. Bis zu knapp 30 Kilo kann das Zuggewicht eines Recurvebogens betragen, mit dem bei Olympischen und Paralympischen Spielen geschossen wird. „Das dann ruhig zu halten, ist schon eine Aufgabe“, weiß die Hamburgerin Britta Nordmeyer, die auch Kinder und Jugendliche trainiert.
Doch zum Glück gibt es ja auch Compoundbögen. Das ist Hightech mit Zughilfen. Weniger kraftaufwendig, aber hochpräzise. Ideal für den paralympischen Sport. Und von den deutschen Damen ganz besonders erfolgreich betrieben. Lucia Kupczyk, Vanessa Bui und Karina Granitza haben Anfang Juli beim Weltranglisten-Turnier im tschechischen Nove Mesto, der WM-Generalprobe, im Match um Platz drei mit 227 Ringen einen neuen Weltrekord aufgestellt.

 

 

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