DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

„Paralympics-Gold ist das ultimative Ergebnis“

„Paralympics-Gold ist das ultimative Ergebnis“ Steffen Warias © Oliver Kremer / DBS

Steffen Warias sitzt auf 2600 Meter Höhe und genießt den Blick auf die Schweizer Bergwelt. Kurz abschalten vom harten Training der vergangenen Tage und eine gute Gelegenheit, um sich zu fokussieren auf die anstehenden Para-Radsport-Weltmeisterschaften vom 31. August bis 3. September im südafrikanischen Pietermaritzburg. Doch hier, an diesem Ort in den Schweizer Alpen, werden auch Erinnerungen wach an den bisher größten Erfolg seiner Karriere: Gold im Straßenrennen bei den Paralympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

„Hier im Höhentrainingslager in St. Moritz denke ich häufiger daran zurück. Wir haben vor einem Jahr auch die finale Vorbereitung hier absolviert“, sagt Steffen Warias. Wenige Wochen später, am 16. September 2016, entschied der 32-Jährige den spannenden Schlussspurt einer Fünfergruppe für sich und raste als Erster über die Ziellinie. „Ich wollte auf jeden Fall eine Medaille, doch es war richtig eng. Und dann wird es sogar Gold – das ultimative Ergebnis. Paralympics-Sieger ist man ein Leben lang, diese Momente werden mir immer in Erinnerung bleiben“, berichtet Warias von einer Zeit voller Emotionen. Silber hatte er 2012 in London gewonnen, ist zweimal Weltmeister und mehrfacher Vize-Weltmeister. „Doch eine Goldmedaille bei den Paralympics hat eine ganz andere Dimension“, weiß der gebürtige Tübinger nun.

Gold bei den Paralympics in Rio © Oliver Kremer / DBS

„Leiser Krieger“ statt Sprücheklopfer: Steffen Warias überzeugt am liebsten auf der Strecke

Die Wahrnehmung sei eine völlig andere gewesen. Warias wurde Badischer Behindertensportler des Jahres, erhielt einige Medienanfragen, wurde bei Festen in der Heimat gefeiert und geehrt. „Die Medaille musste ich immer dabei haben, jeder wollte sie mal anfassen“, erzählt Warias lachend. Ein ungewohntes Gefühl für den sonst so ruhigen Typen, der das Rampenlicht eigentlich eher meidet anstatt es zu suchen. „Die Anerkennung nach dem Erfolg habe ich aber schon auch genossen“, sagt der 32-Jährige. Dabei ist Warias keiner, der im Fokus stehen muss – zumindest nicht abseits der Strecke. Er müsse im Vorfeld keine Sprüche klopfen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern überzeuge lieber mit Leistung auf der Straße.

Denn auf dem Rad gibt er Vollgas. Als „leiser Krieger“ wurde er vor den Paralympics im Magazin „Roadbike“ treffend beschrieben. Einerseits ruhig, freundlich und bescheiden, andererseits im Rennen ein richtiger Kämpfer. „Da muss man auch mal die Ellenbogen ausfahren und sich durchsetzen. Wer zurückzieht, hat keine Chance“, weiß Warias, der vor dieser Saison zum Bayerischen Landesverband gewechselt ist und nun für den BSV München startet. Nur mit dieser Einstellung konnte er sich im Schlusssprint in Rio de Janeiro behaupten und über Gold jubeln. „Da muss man besonders aufmerksam sein und taktieren. Ich habe den Windschatten lange ausgenutzt und bin spät vorbeigezogen. Ich bin cooler geblieben als die anderen.“ So wie er eben ist, der Steffen Warias. Auch im Moment des größten Erfolgs seiner Karriere. Die Chance gewittert und genutzt, nicht in Hektik verfallen, sondern auf die richtige Gelegenheit gewartet – und dann kraftvoll zu Gold gesprintet. Wohlwissend, dass zwischen Platz eins und fünf alles möglich war.

Ohne eine zufällige Begegnung vor fast zehn Jahren wäre er heute wohl kein Paralympics-Sieger

Dass der studierte Chemiker sich nun Paralympics-Sieger nennen darf, war nicht immer absehbar. Weniger wegen des umkämpften Sprints als vielmehr aufgrund der Tatsache, dass er durch einen Zufall überhaupt erst im Para-Sport landete. Warias wurde wegen einer Fehlstellung der Beine schon als Baby im Alter von sechs Monaten operiert. Die Fehlstellung konnte korrigiert werden, geblieben sind zwei Klumpfüße und damit steife Sprunggelenke, zudem ist die Wadenmuskulatur rechts nicht ausgeprägt und links nur sehr gering. „Doch ich bin damit aufgewachsen, habe so das Laufen gelernt und im normalen Alltag keine großen Einschränkungen“, sagt Warias. Die große Leidenschaft zum Radsport entdeckte er schon früh, war erst mit dem Mountainbike unterwegs und dann mit dem Rennrad, absolvierte erfolgreich den Ötztaler Radmarathon und zahlreiche Amateurrennen gegen Radfahrer ohne Handicap.

Einen Gedanken an eine Teilnahme an den Paralympics hat er damals nie gehabt. „Weil ich mich ja nie behindert gefühlt habe und gar nicht wusste, dass ich überhaupt dort starten könnte“, erklärt der Tübinger. Doch es kam glücklicherweise zu einer zufälligen Begegnung mit einem Athleten der Para-Radsport-Nationalmannschaft. „Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, sonst wäre ich möglicherweise nie zum Para-Sport gekommen“ – und entsprechend kein Paralympics-Sieger geworden. Fast zehn Jahre ist diese Begegnung nun her. Steffen Warias informierte sich, schaute die Spiele in Peking 2008 im TV und nahm wenige Monate später Kontakt zur Abteilung des Deutschen Behindertensportverbandes auf.

Was dann folgte, nennt man wohl eine Bilderbuch-Karriere. 2009 die erste deutsche Meisterschaft, 2010 die WM-Premiere – und direkt Weltmeister. „Eigentlich unfassbar, aber ich war ja ein Quereinsteiger, das ist mir zugute gekommen. Ich hatte gute Grundlagen und die notwendige Technik, da ich schon viele Jahre im Radsport unterwegs war.“ Nur eben nicht im Para-Radsport. „Deswegen müssen wir in Sachen Aufmerksamkeit noch weiter zulegen, damit die Menschen von uns wissen“, sagt der Goldmedaillengewinner von 2016. Damit es eben noch mehr Beispiele wie Steffen Warias gibt – und nicht eine zufällige Begegnung gewissermaßen der Ausgangspunkt für einen Paralympics-Sieg ist.

Steffen Warias beim Endspurt in Rio © Oliver Kremer / DBS

Zwei Welten: Vom Chemie-Labor geht’s auf den Rennradsattel

Eine gute Gelegenheit für Aufmerksamkeit ist die WM in Südafrika. Dann will Warias nach verspätetem Saisonbeginn in Top-Form sein und wieder eine Medaille mitnehmen. Ein Selbstläufer wird das freilich nicht. „Das Leistungsniveau ist sehr hoch, es gibt einige Anwärter für das Podest“, sagt der 32-Jährige, dem das Streckenprofil jedoch entgegenkommt. Ein anspruchsvoller Kurs mit vielen Höhenmetern, die es zu bewältigen gilt. Das liegt dem schwäbischen Kletterer – erst recht nach dem „Höhen-Kick“ in den Schweizer Bergen.

Für Steffen Warias ist es fast ein Heimspiel, er lebt und arbeitet in der Schweiz, in der Nähe von Basel. Wenn er nicht auf dem Rad sitzt, findet man ihn häufig im Labor. Denn der Chemiker ist bei einem Pharmazieunternehmen tätig und kümmert sich um die Qualitätskontrolle von Medikamenten. Die Kombination aus Radsport und Labor gefällt ihm bestens. „Ich bin sehr happy, dass mein Arbeitgeber mir die Möglichkeit gibt, den Arbeitsumfang so zu reduzieren, dass ich Freiräume für den Leistungssport habe“, erklärt Warias, der seit diesem Jahr im Rahmen des neuen Fördermoduls „Dualen Karriere – Individualförderung“ vom Bundesministerium der Verteidigung finanziell unterstützt wird. „Eine tolle Sache, dass es geklappt hat. Dadurch bin ich für die nächsten Jahre wieder gut aufgestellt.“ Denn das Fernziel lautet: Tokio 2020 – und dort die Mission Titelverteidigung.

Nach intensiven Monaten mit vier harten Trainingslagern, zahlreichen Rennen und über 13.000 Trainingskilometern will Steffen Warias aber zunächst bei der WM in Südafrika den Lohn für die Arbeit einfahren. Die Zielsetzung ist identisch wie vor den Paralympics: „Ich möchte im Straßenrennen oder im Zeitfahren eine Medaille gewinnen.“ Alles geben und hoffentlich wieder jubeln – ehe Steffen Warias danach seinen Rennanzug häufiger gegen seinen Laborkittel eintauscht.

Vom Höhentrainingslager zur WM in Südafrika

Mit 18 Sportlerinnen und Sportlern ist die deutsche Para-Radsport-Nationalmannschaft zu den Weltmeisterschaften ins südafrikanische Pietermaritzburg vom 31. August bis 3. September aufgebrochen, darunter auch sechs der sieben Goldmedaillengewinner von Rio 2016. Zuvor hatte der Großteil des Teams  wie schon in den vergangenen beiden Jahren in 1800 Meter Höhe im Trainingslager in St. Moritz noch am Feinschliff gearbeitet. Ihre Karriere beendet hat hingegen Paralympics-Siegerin Dorothee Vieth.

„Diese Maßnahme hat sich bewährt, das zeigen auch die Erfolge bei den Highlights in 2015 und 2016. Wir haben die Trainingssteuerung diesmal noch weiter professionalisiert, um individuell noch effizienter zu trainieren“, erklärt Bundestrainer Patrick Kromer. So sieht er sein Team gut vorbereitet auf die Wettkämpfe in Südafrika. Sein Aufgebot für die Weltmeisterschaften umfasst viele bekannte Gesichter. Mit der 24-jährigen Raphaela Eggert feiert eine junge Fahrerin ihre WM-Premiere, die in dieser Saison überraschend den Gesamtweltcup in ihrer Startklasse gewonnen hat. Daneben wollen nicht nur die amtierenden Paralympics-Sieger Hans-Peter Durst, Andrea Eskau, Vico Merklein, der nach einer Schulter-OP allerdings lange ausfiel, Christiane Reppe, Michael Teuber und Steffen Warias gerne wieder nach Edelmetall greifen. Außerdem geht Pierre Senska als amtierender Weltmeister an den Start.

Nicht mehr mit dabei ist Rio-Goldmedaillengewinnerin Dorothee Vieth, die beim Europacup im Juli in Elzach ihren Abschied gefeiert und ihre Karriere beendet hat. Die 56-jährige Geigenlehrerin aus Hamburg blickt auf eine äußerst erfolgreiche Laufbahn zurück. Elf Podestplätze errang sie bei Weltmeisterschaften, darunter einen Titel 2011, und fünf bei den Paralympics. Ihren größten Erfolg feierte Vieth vor einem Jahr am Zuckerhut, als sie bei der dritten Teilnahme an den Spielen ihr ersehntes erstes Gold bejubelte. Es war der perfekte Abschluss einer außergewöhnlichen Karriere der ehrgeizigen Handbikerin.

Das deutsche WM-Aufgebot
: Kerstin Brachtendorf (45 / Mendig (Rheinland-Pfalz) / BPRSV Cottbus), Hans-Peter Durst (59 / Kaufbeuren / RuMC 1925 Sturm Hombruch Dortmund), Raphaela Eggert (24 / Augsburg / BPRSV Lörrach), Andrea Eskau (46 / Apolda (Thüringen) / USC Magdeburg), Mariusz Frankowski (25 / Neustadt (Polen) / TV Waldstraße Wiesbaden), Bernd Jeffré (53 / Kiel / GC Nendorf), Jana Majunke (27 / Cottbus / BPRSV Cottbus), Vico Merklein (40 / Berlin / GC Nendorf), Christiane Reppe (30 / Dresden / GC Nendorf), Andreas Rudnicki (46 / Bütow (Mecklenburg-Vorpommern) / GC Nendorf), Thomas Schäfer (36 / Wernigerode (Sachsen-Anhalt) / Nordharzer RSG Bad Harzburg), Denise Schindler (32 / Karl-Marx-Stadt / BPRSV Cottbus), Matthias Schindler (35 / Regensburg / BSV München), Pierre Senska (29 / Berlin / BPRSV Cottbus), Michael Teuber (49 / Tegernsee / BSV München), Tobias Vetter (35 / Gera / BSV München), Steffen Warias (32 / Tübingen / BSV München), Erich Winkler (49 / Neumarkt St. Veit (Bayern) / TV Geisenhausen).

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