DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

„Ich wollte das Wasser nicht mehr sehen“

„Ich wollte das Wasser nicht mehr sehen“ Elena Krawzow © Ralf Kuckuck/ DBS

Rückblick: Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 winkte Elena Krawzow überglücklich vom Siegerpodest, schwamm bei ihrer Premiere mit 19 Jahren überraschend zu Silber über 100 Meter Brust. Vier Jahre später wollte sie auf dem Treppchen in Rio de Janeiro ganz nach oben. Doch die Siegerehrung fand ohne die sehbehinderte Schwimmerin vom PSC Berlin statt. Nur Platz fünf – das Lächeln war aus dem Gesicht der sonst so fröhlichen Athletin gewichen, die Enttäuschung riesig. Es folgten die härtesten Monate ihrer Karriere, ein schwieriger Weg zurück zu alter Motivation – und zur Teilnahme an den Weltmeisterschaften, die vom 2. bis 7. Dezember in Mexiko stattfinden.

Der 11. September 2016 sollte ihr Tag werden. Paralympics-Gold über 100 Meter Brust – das war das klare Ziel von Elena Krawzow. Nach ihrer Silbermedaille bei den Spielen 2012 wurde sie Weltmeisterin 2013 sowie Europameisterin 2014 und 2016, stellte im Sommer 2016 sogar den Weltrekord auf ihrer Paradestrecke auf. Die Vorbereitung lief bestens. Was sollte da also schief gehen? Rein ins Wasser, alles geben und Gold gewinnen. So war der Plan. Doch es kam anders, völlig anders. Nicht nur wegen Siegerin Fotimakon Amilowa aus Usbekistan, die, zuvor noch weitgehend unbekannt in der Startklasse, plötzlich einen Fabelweltrekord ins Wasser zauberte. Auch Krawzow selbst blieb weit hinter ihren Erwartungen zurück, von der Platzierung sowie von der Zeit her.

© Oliver Kremer/ DBS

„Ich habe mich geschämt, es haben doch so viele Menschen an mich geglaubt“

„Ich war gut drauf, habe an mich geglaubt. Aber ich wollte in dem Moment zu viel, bin verkrampft und nicht mehr mit Kopf und Technik geschwommen. Die Zeit war dadurch total im Eimer“, sagt die gebürtige Kasachin, die mit ihrer Familie 2004 nach Bamberg zog und dort erst das Schwimmen lernte, gut ein Jahr nach dem Misserfolg. Anfangs wirkte sie gefasst. „Ich stand noch unter Schock, mein Kopf war leer und ich wusste nur, dass das Rennen vorbei ist und ich verloren habe.“ Als sie dann zur Ruhe kam, seien alle Dämme gebrochen. „Ich habe geweint ohne Ende, wollte alleine trauern und nicht vor allen Leuten“, erinnert sich Krawzow und fügt an: „Es haben doch so viele Menschen an mich geglaubt, ich habe mich für die Leistung geschämt.“

Der Druck habe sie belastet, gibt die Athletin vom Berliner Schwimmteam zu. „Die Erwartungshaltung war groß, sowohl meine eigene als auch die von außen. Diese Erwartungen wollte ich verwirklichen und Gold gewinnen.“ Schließlich hat Elena Krawzow in ihrer Karriere nur eine Richtung gekannt: steil bergauf. Die vielen Medaillen und Erfolgserlebnisse, der Wechsel von Nürnberg nach Berlin zu Trainer Phillip Semechin, der sie noch schneller machte. Verlieren? Eigentlich ausgeschlossen. „Vor Rio war alles top, es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Nahezu jede Saison habe ich eine Medaille geholt, meistens Gold. Seitdem ich schwimme, habe ich noch nie eine richtige Niederlage erlebt“, berichtet sie und ergänzt leise: „Ich habe wohl gedacht, dass ich immer eine Gewinnerin bleibe.“

Der Traum vom Paralympics-Gold wurde zum Albtraum

Doch in Rio lernte sie das Gefühl der Niederlage kennen – und zwar mit voller Wucht. Ausgerechnet am 11. September 2016, an dem sie ihren größten Triumph feiern wollte. Der Traum vom Paralympics-Gold wurde zum Albtraum. Und Elena Krawzow hatte lange daran zu knabbern. „Ich bin sehr tief gefallen und konnte nicht damit umgehen. Mental war ich total am Boden und wollte das Wasser nicht mehr sehen“, sagt sie – emotionale Einblicke in ihre Gefühlswelt.

Es folgte nach etwas Abstand eine Trotzreaktion. „Ich habe im Training alles gegeben, wollte es meiner Konkurrenz mit aller Macht zeigen“, erklärt die 23-Jährige. Sie schuftete hart. Doch sie wollte zu viel. Hinzu kam, dass sie die Erlebnisse von Rio zwar verdrängt, nicht aber verarbeitet hatte. Dann der nächste Rückschlag. „Es ging plötzlich nichts mehr, ich bin wortwörtlich fast ertrunken im Wasser und kaum vom Fleck gekommen.“ Pause – neuer Versuch im Höhentrainingslager. Allerdings merkte Elena Krawzow schnell, dass es noch nicht funktionierte. „Mein Kopf wollte es, aber der Körper hat es nicht zugelassen. Ich habe es mit der Brechstange versucht und meinen Körper in den Keller trainiert.“ Während die Teamkollegen ihre Einheiten durchzogen, schaute sie vom Beckenrand aus zu oder blieb gleich im Bett liegen. „Ich habe mich total schlapp gefühlt, wusste nicht, was los war.“

© Oliver Kremer/ DBS

„Es brodelt noch in mir und ich habe gemerkt, dass ich gerne Leistungssportlerin bin“

Eine erneute Pause war unvermeidlich. Der Körper brauchte Ruhe, ebenso der Kopf. Die Erlebnisse von Rio hat Krawzow inzwischen auch mit Unterstützung von Mentaltraining aufgearbeitet, gegen das sie sich lange gewehrt hatte. „Ich habe gelernt, dass ich auch im Kopf bereit sein muss und mich nicht verrückt machen darf vor großen Highlights. Da helfen mir solche Gespräche und man kann es schon beeinflussen, im entscheidenden Moment lockerer zu bleiben“, sagt die Athletin, die dem Top Team des Deutschen Behindertensportverbandes angehört.

Ihre Motivation fand die 23-Jährige allerdings erst in Kasachstan wieder. Abschalten wollte sie, zur Ruhe kommen – und zwar in der alten Heimat bei ihren Eltern, die 2016 wieder dorthin zurückkehrten. „Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Da ist ja nichts außer Wüste“, sagt Krawzow und schmunzelt. Sie schaffte es, den Kopf freizubekommen, die Erwartungen abzulegen. „Ich habe gespürt, dass es noch immer in mir brodelt, dass ich gerne Leistungssportlerin bin.“ Sie habe sich Gedanken gemacht, was sie zukünftig wolle, zu was sie bereit sei. Oberstes Gebot: „Ich möchte meinen Sport mit Leidenschaft machen und nicht aus Zwang. Ich mache es für mich und weil ich es will – und nicht für andere, die etwas von mir erwarten.“ Genau das habe in der Vergangenheit zu große Bedeutung gehabt, auch vor den Spielen in Rio de Janeiro. „Jetzt will ich wieder Spaß am Training haben, das ist momentan der Fall.“

Ihre Erwartungen vor den Weltmeisterschaften in Mexiko: keine. „Daran habe ich tatsächlich noch fast gar nicht gedacht. Ich erwarte nichts, fahre dorthin und gucke, wie es läuft.“ Vielmehr wolle sie mit Gelassenheit und Lockerheit an die künftigen Aufgaben herangehen – und nicht verbissen. Dabei unterstützt sie auch ihr Trainer Phillip Semechin, ebenso der Verband, der ihr trotz fehlender Qualifikation das Vertrauen gibt und die Möglichkeit, bei der WM zu starten.
Dass sich Krawzows Sehkraft von sechs auf nur noch drei Prozent halbierte und sie nun in der Startklasse S12 der schwerer sehbehinderten Athletinnen antritt, spielt sportlich kaum eine Rolle, zumal die Klassen S12 und S13 ohnehin in einigen Disziplinen zusammengelegt werden. Im Alltag hofft die Berlinerin, dass sich die Sehkraft nun nicht mehr vermindert, damit sie weiterhin selbstständig bleiben kann. „Die Ärzte haben gesagt, dass es sich jetzt nicht mehr verschlechtern wird. Das ist meine große Hoffnung.“

Und auch sportlich verspürt Elena Krawzow wieder Hoffnung. Motivation und Spaß am Sport sind zurück, die große Enttäuschung von Rio überwunden. So schwer die vergangenen Monate auch waren, so viel hat die 23-Jährige dabei über sich selbst gelernt. Davon wird sie profitieren. Der Albtraum ist vorbei, das Lächeln zurück. Und in jedem Rückschlag steckt auch eine Chance – mit Gelassenheit und Freude statt übertriebenem Erwartungsdruck.

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