DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Heinrich Popow: „Ohne meine Techniker und ihre Geduld wäre ich nichts“

Heinrich Popow: „Ohne meine Techniker und ihre Geduld wäre ich nichts“

Um Worte war der redegewandte Heinrich Popow noch nie verlegen – schon gar nicht im Gespräch mit seinen Technikern. Erst gerade war der 30 Jahre alte Sprinter wieder in Duderstadt bei Otto Bock. Es ging um den Werkstoff eines neuen Schaftes seiner Prothese. „Ich habe von Materialkunde keine Ahnung“, berichtet Popow freimütig, „also habe ich meinen Leuten gesagt, der Schaft müsse sich anfühlen wie ein Kondom. Also einfach gut passen.“ Popow lacht kurz auf: „Ich muss meine Empfindungen doch in die Worte eines Ingenieurs packen!“

Es ist inzwischen nicht mehr nur der eine Orthopädie-Techniker, dem Popow beim Duderstädter Paralympics-Serviceprovider vertraut. Jahrelang hatte Popow eine besonders enge Beziehung zu Tino Hartmann. Die beiden verstanden sich blind; ihre Zusammenarbeit gipfelte in Popows Olympia-Triumph 2012 in London, als er in der Klasse der einseitig oberschenkelamputierten die Goldmedaille über 100 Meter gewann.
Die Professionalisierung schreitet voran, die Konkurrenz schläft nicht – seit einiger Zeit vertraut Heinrich Popow einem ganzen Team von Ausrüstungs-Helfern. Hinzugekommen sind die Techniker Marco Volkmann und Jens Nörthemann. Volkmann hat den Schaft der Prothese entwickelt; Nörthemann das Kniegelenk. „Wir arbeiten auf einer freundschaftlichen Basis“, behauptet Popow, „ich habe gern viele Leute um mich herum, und ich kann meine Aussagen an mehrere Leuten richten. Im Alltag können Patienten oft nicht sagen, wo ihre Prothese weh tut. Das ist bei mir anders – auch, weil ich immer mehrere Techniker habe, die mir zuhören. Ich versuche, das Gefühl zu beschreiben, das ich haben müsste. Damit können Marco und Jens am meisten anfangen.“ Besonders lange wird am Schaft getüftelt. Wenn da nämlich etwas rutscht, kratzt oder schmerzt, ist es schon im Alltag unangenehm – und für einen Weltrekordhalter im Sprint erst recht. Die 100 Meter ist Heinrich Popow vor einem Jahr in 12,11 Sekunden gelaufen.

Die Türen bei Otto Bock stehen Heinrich Popow offen. Meist beginnt der Tag mit einem Brainstorming bei der ersten Tasse Kaffee – worüber spricht man eigentlich, was soll verändert werden, muss etwas verändert werden? Gibt es Trends? „Der heutige Paralympics-Spitzensportler kann nicht mehr mit dem dicken Wagen vorfahren und seine Prothese abholen“, sagt Popow, „er muss selbst Einfluss nehmen. Zumindest ist das meine Sicht. Ich möchte Spuren hinterlassen. Das Team hinter mir weiß: Ich schinde mich auch für sie. Genau, wie ich Medaillen für sie gewinne.“
Es ist harte Arbeit. Auf Laserposter-Messgeräten wird der Kräfteverlauf an der Prothese gemessen; ständig geht es um Biomechanik, darum, wie durch welche Winkeleinstellung des künstlichen Beins die Geschwindigkeit erhöht werden kann, ohne dass der Laufstil leidet. Immer wieder gibt es Empfehlungen der Techniker. Popow geht dann auf die Bahn, probiert aus, meldet zurück. Es ist ein mühsames Feintuning. Geduld ist gefordert. Und Beharrlichkeit. „Zum Profisein gehören Automatismen“, sagt Popow, „ich kann nicht immer neu bauen, oder am Tag des Finales plötzlich Neues ausprobieren. Ich muss mich darauf verlassen können, dass meine Prothese immer relativ gleich reagiert.“ Häufig verändert werden Winkel, Länge und Form des Carbonfußes. Seltener hingegen Schaft und Kniegelenk – beide sind 2007 entstanden und seitdem allenfalls weiterentwickelt worden.

Sein Sport ist sein Leben; diesen Eindruck gewinnt, wer Heinrich Popows Weg verfolgt. Die technischen Weiterentwicklungen an seiner Prothese können auch das künstliche Gliedmaß eines frisch operierten Unfallopfers oder Kriegsheimkehrers verbessern. So wünscht es sich Popow. Ein Technologietransfer für die Massen. Etwas Neues treibt ihn seit einiger Zeit um – er will eine Kindersportprothese entwickeln.
Längst ist der meinungsstarke Athlet zu einem Aushängeschild der paralympischen Bewegung geworden, zu einem Botschafter des Behindertensports. Viel Zeit frisst das: Gerade war Popow in Brasilien und hat mit elf oberschenkelamputierten Läufern in der sogenannten running clinic in Sao Paulo gearbeitet. „Da waren Männer dabei, die 120 Kilogramm wiegen und sich seit 30 Jahren nicht bewegt haben. Die haben wir mit unseren Prothesen wieder zum laufen gebracht“, erzählt Popow. Tränen flossen. Auch das ist eines seiner Anliegen: Eine Sportprothese zum aktiven Lifestyle zu machen. Er möchte dahin kommen, dass Behinderte ihre Prothese stolz zeigen, statt sie unter langen Hosen zu verstecken. Dafür muss sie optisch aufgewertet werden – schrille Farben, Muster, Zeichnungen. Individualisierung eben. Unter jungen Behindertensportlern hat Popow diesen Trend schon entfacht. „Sie tragen das ganze Jahr über kurze Hosen“, sagt er lachend.
Heinrich Popow ist seinen Weg gegangen. Der Junge aus Kasachstan verlor sein Bein im Alter von sieben Jahren infolge einer Krebserkrankung. Immer wieder hat er seine Geschichte seitdem erzählt, immer wieder gelingt ihm das packend, anschaulich, sympathisch.

Doch seine Story ist nicht zu Ende erzählt. „Ich brauche jedes Jahr einen sportlichen Höhepunkt“, sagt Popow, auch im reifen Sprinteralter. Rio 2016 scheint gar nicht mehr so fern. In diesen Tagen nun zwingt ihn eine hartnäckige Knieverletzung zum Zuschauen. Gute Trainingsleistungen und eine prominent besetzte Starterliste ließen ihn voller Vorfreude auf die Internationale Deutschen Meisterschaft im Juni im Berliner Jahnstadion schauen. Dann zwickte das Knie plötzlich, eine ärztliche Untersuchung gab Aufschluss – kein Start möglich. Rasch schrieb Popow das seinen Fans und Freunden auf der vielbesuchten Facebook-Seite, ein Bild von ihm im Untersuchungsraum beigefügt. Popow ist ein Fan sozialer Netze. Er will den Nachwuchs erreichen.


Heinrich Popow bei Otto Bock (Video) 

Das Streben nach Spitzenleistung: Techniker von Otto Bock und Sportler Heinrich Popow arbeiten akribisch Hand in Hand auf die optimale Sportprothese hin.

Quelle: Official Youtube channel ottobock



Noch mehr Stories, Videos und ein ausführliches Athletenprofil von Heinrich Popow finden Sie auf der Webseite von Otto Bock.


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