DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Einblicke vom Chef de Mission - Karl Quade im Interview

Einblicke vom Chef de Mission - Karl Quade im Interview

„Man sollte keine Leistung klassifizieren und damit Athleten bestrafen“

Der Mann hat Routine: Karl Quade (59) ist auch in Sotschi wieder Chef de Mission des deutschen Paralympics-Teams. Insgesamt schon zum zehnten Mal seit Atlanta 1996. Der Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) und promovierte Sportwissenschaftler ist seit Jahrzehnten eine Größe im internationalen Behindertensport – zunächst als Aktiver, später als Trainer und inzwischen als Funktionär. Als solcher sind ihm auch die Probleme des paralympischen Sports bewusst – so zum Beispiel die für die Öffentlichkeit nur schwer greifbare Klassifizierung. Vor der Abreise ans Schwarzmeer spricht er im Interview aber auch über andere Herausforderungen des Behindertensports – und über die sportlichen Chancen des Teams.

2010 beendete die deutsche Paralympics-Mannschaft die Winterspiele mit 13 Goldmedaillen auf Platz eins im Medaillenspiegel. Welchen Erfolg erwarten Sie sich von Sotschi?

Wir werden deutlich kleinere Brötchen backen, wobei der Erfolg in Vancouver auch nicht vorhersehbar war. Wir werden nicht auf Platz 20 durch gereicht, aber wir werden auch nicht ganz vorne im Medaillenspiegel stehen. Vor allem bei den Frauen haben wir aber mindestens vier Athletinnen mit sehr guten Medaillenaussichten. Anja Wicker und Andrea Eskau im Ski Nordisch und bei den Alpinen Andrea Rothfuß und Anna Schaffelhuber. Wenn bei diesen Top-Athletinnen alles funktioniert und das Material stimmt, werden wir sicher deutlich im zweistelligen Medaillenbereich sein.

Das richtige oder falsche, weil regelwidrige Material war bei den Sommer-Paralympics in London oft ein Diskussionsthema, auch innerhalb der deutschen Mannschaft. Haben Sie die Befürchtung, dass es in Sotschi wieder dazu kommt?

Es gibt im paralympischen Wettkampf Regeln, die die Technik in ihre Schranken weist. Die Frage ist: Werden sie konsequent beachtet und realisiert? Aber wenn die Geräte zugelassen sind, dürfen die Athleten auch damit fahren. In London gab es ja die Diskussion um das Handbike von Alessandro Zanardi oder die Prothetik von Oskar Psitorius’ Gegner Alan Oliveira. Ich hoffe, dass es in Sotschi diese Diskussionen nicht geben wird, weil das Material vorher schon im Weltcup eingesetzt wurde. Nichtsdestotrotz wird natürlich futuristisch anmutendes Material zum Einsatz kommen, wenn ich zum Beispiel an den Schlitten von Andrea Eskau denke.

Warum?

Der hat mit dem üblichen Langlaufschlitten, wie man ihn bisher kannte, nicht mehr viel zu tun. Der Schlitten ist quasi selbst tragend und individuell auf bestimmte Winkelstellungen der Beine aufgrund ihrer Querschnittslähmung angepasst. Aber das IPC ist der Regelwächter und soll bitte entscheiden, ob das Gerät so in Ordnung ist oder nicht. Wenn eine Ukrainerin oder Russin Protest gegen den Schlitten von Andrea Eskau einlegen will, dann soll sie das machen. Bis jetzt ist der Schlitten von den Regelwächtern abgenickt.

Für den Laien ist nicht nur die Technik, sondern auch das System der Klassifizierung oft nur schwer zu durchschauen. Wie funktioniert das im Wintersport?

Bei den Wintersportlern werden individuell für jeden Athleten entsprechend der Behinderung Prozente verteilt, die dann in Zeiten oder in Uhrdynamiken umgerechnet werden. Bei einem Athleten mit 100% läuft die Uhr so schnell wie unsere Armbanduhr. Wenn aber zum Beispiel unser Athlet Willi Brehm 5 km Freestyle läuft, läuft die Uhr nur mit 87 % der Normalgeschwindigkeit. Ein bisschen anders ist es bei den Sprintwettbewerben im Ski Nordisch, da geht es ja darum, wer als Erster ankommt. Brehm als Voll-Blinder läuft dann von Punkt A ab, der Konkurrent, der noch über eine Rest-Sehfähigkeit verfügt, zum Beispiel 75 Meter dahinter.

Aber starten dadurch wirklich alle Athleten mit den gleichen Chancen?

Bei den Alpinen zum Beispiel ist je nach Hang mal der Eine, mal der Andere im Vorteil. Das ist normaler Weise kein Problem über die Weltcup-Saison, aber die Paralympischen Spiele sind bei uns nun mal entscheidend. Dann ist bei einem Riesenslalom, wo es flach losgeht, ein Athlet mit zwei Beinen gegenüber einem Oberschenkel-Amputierten wegen der möglichen Schlittschuhschritte durchaus im Vorteil, dafür hat der Oberschenkel-Amputierte aber am Tor Vorteile. Für mich ist als äußeres Zeichen, dass die Klassifizierung insgesamt funktioniert, die Mischung von verschiedenen Arten der Behinderung im Ergebnis wichtig. Dass nicht nur Bein-Behinderte vorne sind und der Arm-Behinderte erst auf Platz zwölf kommt, sondern dass sich das mischt. Das ist bei den Sehgeschädigten auch so. Die Prozente scheinen in Ordnung zu sein, sodass nicht eine Art der Behinderung, ob nun schwer oder leicht, bei der Wertung hinten runter fällt. Das ist zwar kein wissenschaftlicher Beweis für die Validität des Systems, aber immerhin ein Anhaltspunkt.

Trotzdem beschweren sich bei Winter- wie Sommer-Paralympics immer wieder Athleten über falsch eingestufte Konkurrenten. Wie leicht ist es für Sportler, sich bei der Klassifizierung einen Vorteil zu verschaffen?

Die einfachste Klassifizierung ist eine medizinische Klassifizierung, die gibt es zum Beispiel bei der Einteilung in der Leichtathletik, wenn es um Amputationen geht. Da kann ein Athlet schlechterdings kaum was machen. Auch bei Sehschädigungen gibt es heute Messsysteme, die das valide bestimmen. Der Internationale Verband der Blinden-Sportler will die Klassifizierung von blinden Athleten jedoch ändern. Die andere Möglichkeit ist die funktionelle Klassifizierung, aber die ist deutlich schwieriger, denn es geht um die körperlichen Funktionen des Athleten. Wenn festgestellt wird, dass ein Sportler in eine bestimmte Klasse kommt, sich unauffällig verhält und bei Paralympischen Spielen plötzlich mit tollen Leistungen glänzt, könnte man natürlich vermuten: Derjenige hat bei der Klassifizierung nicht konstruktiv mitgemacht, seine wirkliche Leistungsfähigkeit bisher nur im Wettkampf nicht gezeigt oder nicht zeigen können. Es gibt eine hohe Verantwortung aller Beteiligten bei der Klassifizierung, diese ist im IPC Classification Code und für den nationalen Bereich in der Klassifizierungsordnung des DBS festgelegt.

Wie ließe sich das vermeiden?

Man sollte keine Leistung klassifizieren und damit Athleten bestrafen, das ist der ‚Worst Case’. Es gab ein Modell, da wäre zum Beispiel Verena Bentele als voll-blinde Athletin zu ihrer aktiven Zeit schlechter bewertet worden, als eine Athletin mit Restsehfähigkeit, weil Verena von ihren Bewegungen her flüssiger laufen konnte. Aber für sie als Voll-Blinde war es hartes Training, dorthin zu kommen. Man kann ja im Nachhinein niemanden bestrafen, nur weil er oder sie sich soweit entwickelt hat.

Ist der Behindertensport durch diese Undurchsichtigkeiten anfälliger als der Sport nicht-behinderter Athleten für Doping?

Wenn es um die Kontrollen außerhalb der Paralympics geht, gibt es in den einzelnen Ländern sicherlich große Unterschiede, das ist im olympischen Sport ja nicht anders. Generell ist der paralympische Sport aber ökonomisch nicht so belastet wie der olympische Sport. Ich will allerdings nicht in der Haut von russischen Athleten stecken, die jetzt auch bei paralympischen Spielen um eine Goldmedaille 90.000 Dollar winken. Wenn man sich überlegt, was das in Russland bedeutet, weiß man auch, welcher Antrieb das sein kann, alles zu tun.

Welche Einstellung erwarten Sie sich vom Gastgeber Russland zum Thema Behindertensport?

Wenn ich an die Paralympics in Peking 2008 zurückdenke, wurden wir dort sehr positiv über die Anteilnahme der Bevölkerung überrascht, obwohl es für uns vorher wegen der Kultur und der Struktur des Staates sehr schwer einzuschätzen war. Uns ist wichtig, dass die Paralympischen Spiele die Situation für Menschen mit Behinderung deutlich nach vorne bringt. Bis dahin war das eine Gruppe, die wurde abgeschoben und weggesperrt, mit den Spielen in Peking wurde sie zumindest in der Stadt akzeptiert. Das erwarten wir uns von Russland auch. In allen Präsentationen haben die Russen immer wieder versucht, sehr euphorisch zu berichten, wie sich die Situation von Menschen mit Behinderung in diesem Riesenland ändert, zum Beispiel mit einem flächendeckenden Netz an barrierefreien Bussen. Ich kann es ihnen aber ja auch nur glauben, dass das alles auch tatsächlich passiert.

Abschließende Frage: Was halten Sie von der Idee, Paralympics in die Olympischen Spiele zu integrieren, um diese als mediale Bühne zu nutzen?

Davon halte ich gar nichts, die Diskussion kenne ich seit 1990. Die Paralympischen Spiele haben in der Öffentlichkeit einen Stellenwert erreicht, auch in Sachen Medienpräsenz, den man immer haben wollte – unabhängig von den Olympischen Spielen. Die sind schon heute überfrachtet, das ist ja nicht rezipierbar, was da alles abgeht. Die Bandbreite an Wettkämpfen und Entscheidungen wäre bei einer Zusammenlegung nicht mehr darstellbar. Auch für die Infrastruktur und Logistik würde eine Kombination neue Probleme bedeuten. Gegen Demowettbewerbe im Rahmen Olympias habe ich nichts einzuwenden. Aber eine organisatorische wie mediale Verknüpfung der beiden Events ist Quatsch.

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