DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Dorothee Vieth ist ein Jahr vor Rio schon in Topform

Dorothee Vieth ist ein Jahr vor Rio schon in Topform

„Ein Wettkampf ist wie ein Konzert“

Ihre Schüler müssen schon lange auf die Stunden bei ihrer Violinlehrerin verzichten. Dorothee Vieth ist mal wieder für ihren Sport unterwegs. Wie schon seit Ende Mai. Weg aus Hamburg. Stattdessen hat sie zuletzt zwei Wochen Höhentrainingslager in St. Moritz mit der deutschen Nationalmannschaft absolviert, dann eine Woche Schwarzwald rund um den Weltcup in Elzach. Und ab kommenden Donnerstag steht in Nottwil in der Schweiz die Weltmeisterschaft im Paracycling an. Die Hamburgerin startet dabei mit ihrem Handbike in der knienden Klasse H5 als eine der Favoritinnen. Wenn sie wiederkommt, hat sie ihren Schülern wieder einiges zu berichten. „Die finden das cool, dass ihre Lehrerin so sportlich ist“, lacht Dorothee Vieth, „ich bin halt keine Geigenlehrerin mit Dutt und Brille.“

Auf den anspruchsvollen sieben Kilometern in der Schweiz wird sie sich im Zeitfahren und im Straßenrennen wieder ein heißes Duell mit ihrer Dauerrivalin Andrea Eskau liefern. „Ich gehe davon aus, dass beide bei der WM um die Medaillen mitfahren werden“, sagt Bundestrainer Patrick Kromer. „Wichtig ist, dass wir als Nation möglichst viele Punkte für Startplätze in Rio sammeln“, erklärt der Coach. Die Fahrer aus Italien und den USA seien die stärksten Kontrahenten.   

Die Magdeburgerin Eskau, die auch im nordischen Skisport aktiv ist, war in den letzten/vergangenen Jahren immer ein bisschen erfolgreicher als Vieth. Sie gewann Gold bei den Paralympics 2012 in London beim Zeitfahren und auf der Straße, Vieth wurde Zweite und Dritte. In Peking 2008 siegte Eskau im Straßenrennen, Vieth holte Bronze. So war es meist – bis 2014. „Seitdem hat Dorothee Vieth sich noch einmal stark verbessert“, erklärt Kromer, „das muss man absolut anerkennen“. Die Hamburgerin konnte in diesem Jahr bereits zwei Weltcuprennen für sich entscheiden, präsentiert sich in toller Form: „Ich bin tatsächlich sehr zufrieden, wie es bisher gelaufen ist“, sagt sie.

Wobei ein Teil des Erfolges sicher auch mit ihrem neuen Handbike zu tun hat. Eine Videoanalyse von der letzten WM hatte ergeben, dass sie an einem Anstieg immer Boden auf die anderen Spitzenfahrer verloren hatte. Entscheidend ist, die Kraft aus dem Oberkörper ideal auf die Pedalen zu bringen, dafür müssen Mensch und Maschine optimal aufeinander abgestimmt sein. Dorothee Vieths vorheriges Rad war bereits sieben Jahre alt, es musste etwas passieren. „Ohne neues Rad hätte ich keine Chance auf Rio gehabt“, ist sie überzeugt. Also ist sie volles Risiko gegangen und hat sich ein neues Gefährt bauen lassen. Exakt auf sie angepasst, absolute Maßarbeit. Alles muss stimmen – „auf diesen Sitz passe nur ich“, sagt sie. 20.000 Euro kostet so ein High-Tech-Sportgerät insgesamt, das ist eine Menge Holz. „Mein Verein – der Hamburger SV –  und die Alexander-Otto-Stiftung haben mir sehr großzügig geholfen“, betont  Vieth, „dafür bin ich sehr dankbar“.

Nun kann sie also Richtung Rio voll angreifen. Die Chancen für eine Nominierung stehen gut, mit 55 Jahren würde sie in Brasilien ihre dritten Paralympischen Spiele erleben. Ist das nicht ein bisschen alt für eine Hochleistungssportlerin? „Man muss zwischen Lebensalter und Sportalter unterscheiden“, erklärt Dorothee Vieth, die erst 2002 nach einem Unfall mit einem Motorroller und anschließender Lähmung der Bein- und Gesäßmuskulatur links ins Handbike gestiegen ist. „Außerdem ist bei unserem Sport die Ausdauerleistung wichtig, und da sind ältere Athleten oft stark – auch bei den Nicht-Behinderten.“ Auch Andrea Eskau ist übrigens bereits 44 Jahre alt.

Nach der ersten Teilnahme am Hannover-Marathon 2004 war sie angefixt vom Sport, sie blieb dabei, machte mehr, wurde besser und besser, betreibt den Sport längst wie ein Profi. Die Vorspannung, die Nervosität, den Wettkampf - das braucht sie. Und das kennt sie irgendwie aus ihrem „bürgerlichen“ Beruf als Geigenspielerin und –lehrerin: „Ein Rennen ist wie ein Solo in einem Konzert. Du übst täglich, du bereitest dich vor und dann kommt der eine Moment, wo du das Erarbeitete abrufen musst. Dann muss es funktionieren. Eine zweite Chance gibt es nicht.“

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie weiterhin auf dieser Website bleiben, erteilen Sie damit Ihr Einverständnis zur Verwendung von Cookies.

Schließen