DOSB - Olympiamannschaft

Paralympisch Leben

Das Online-Magazin „Paralympisch Leben“ ist das Herz der Webseite. Hier berichten wir über die Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten hinter den Sportlern: Was macht sie aus, was haben sie erlebt und wie denken und fühlen sie? Alle Athletinnen und Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft haben spannende Geschichten zu erzählen – die wir unter der Überschrift „Paralympisch Leben“ bündeln.

Die Gipfelstürmerin hat noch viel vor

Die Gipfelstürmerin hat noch viel vor Clara Klug mit Guide Martin Härtl © Ralf Kuckuck / DBS-Akademie

Das Verhältnis zwischen Athlet und Trainer ist im Leistungssport geprägt von einem hohen Maß an Vertrauen und Kommunikationsfähigkeit. Der eine muss sich darauf verlassen können, dass der andere in dieselbe Richtung läuft – und beide müssen davon überzeugt sein, dass der Weg ans Ziel führt. Das gilt vor allem dann, wenn die Athletin blind ist und der Trainer gleichzeitig ihr Guide in der Loipe.

Es war im Jahr 2012, da klingelte im Hause Klug in München das Telefon. Am Apparat: der bayerische Landestrainer im Para Ski nordisch, Martin Härtl. Der hatte von einer jungen Frau mit angeblich blendenden Zukunftsaussichten Wind bekommen. „Hast du Lust zusammenzuarbeiten?“, fragte er die damals 17-jährige Clara Klug und verriet ihr auch gleich, wohin die Reise führen sollte: zu den Paralympischen Spielen 2018. Die Umschmeichelte sagte zu, war angesichts des großen Ziels aber erstmal überrumpelt. „Ich dachte mir nur: Na ja, schaun mer mal“, sagt sie im Rückblick schmunzelnd. 

Im vergangenen Winter gab es jede Menge zu schauen und zu staunen. Zur Heim-Weltmeisterschaft in Finsterau fuhr sie im festen Willen, eine Medaille einzutüten – und einen Filu. Das WM-Maskottchen, ein Finsterauer Luchs, gab es in Stofftier-Form für jeden Medaillengewinner. Nach einer Woche im Bayerischen Wald hatte Klug sogar Übergepäck: einen Filu für sich und zwei zum Verschenken. Im Biathlon überraschte sich die Sportlerin vom PSV München selbst mit zweimal Silber und einmal Bronze – und setzte mit dem zweiten Platz im Gesamtweltcup beim Abschluss in Sapporo einen Monat später das Sahnehäubchen auf eine überragende Saison. „Der Winter hat mir endgültig gezeigt, dass mein Traum von den Paralympics kein Hirngespinst ist“, sagt sie.

Clara Klug © Ralf Kuckuck/ DBS-Akademie

Plötzlich auf sich allein gestellt

Das ist umso bemerkenswerter, weil der Sommer vor dem Winter alles andere als glücklich verlaufen war. Im Vorbereitungstrainingslager verletzte sich Martin Härtl schwer und war anschließend mehrere Monate matt gesetzt. Sein Schützling sah sich plötzlich auf sich allein gestellt, musste zwangsweise noch selbstständiger werden, sich andere Trainingspartner suchen und mit einem Interimsguide neue Automatismen finden. Das Duo Härtl/Klug war vorübergehend gesprengt.

Dabei passt die Chemie bestens. Der 42-jährige Beamte aus Weilheim und die 23-jährige Sportlerin pflegen einen trockenen Umgang miteinander. „Frotzeleien gehören dazu, die nötige Ernsthaftigkeit aber auch“, verrät Klug. Dass Martin Härtl zu Beginn ihres gemeinsamen Weges treibende Kraft war, hat sich im Verhältnis durchaus niedergeschlagen. Als ihr Heimtrainer nun ausfiel und zwar weiterhin die Trainingspläne schrieb, die Umsetzung aber seiner Athletin alleine überlassen musste, hatte diese viel Zeit zum Nachdenken und Resümieren. „Mir ist bewusst geworden, wie sehr ich das alles will, egal was kommt“, sagt sie. Aus Klarheit reifte Ehrgeiz. PyeongChang und die Paralympics 2018 wurden endgültig zum Fixpunkt. 

Es ist sozusagen ein kleines Glück im Unglück, weil es die Selbstzweifel minimierte. In ihrer Anfangszeit kamen ihr 40 Minuten auf dem Laufband unendlich lange vor. Und auch danach kam die blinde Athletin immer wieder an einen Punkt, an dem sie sich sagte: „Ich schmeiß alles hin, ich schaffe das nicht.“ Es lag mitunter auch an Klugs Ungeduld. Daran, dass ihr die Fortschritte nicht schnell genug kommen konnten und sie sich ausgiebig darüber ärgerte, wenn ihre Waffe mal wieder nicht das tat, was sie wollte. „Das ist viel besser geworden“, sagt Härtl. „Jetzt machen sich die ganzen Investitionen richtig bezahlt.“

Clara Klug und Begleitläufer Martin Härtl © Ralf Kuckuck / DBS-Akademie

Reichlich Umfänge absolviert – auf dem Laufband und in der Natur

40 Minuten auf dem Laufband sind für Clara Klug inzwischen ein Klacks. Im Sommer 2017 verbrachte sie teilweise drei Stunden auf dem Gerät. „Da weißt du, was Langeweile ist“, sagt sie und lacht. Um das Ausdauertraining anspruchsvoller zu machen, stellte sie eine Steigerung von 15 Grad ein. Noch lieber aber war sie draußen in den Bergen unterwegs, begleitet von Wanderbegeisterten des Deutschen Alpenvereins, die sie per Annonce fand. Die Kampenwand am Chiemsee war einer der Gipfel, die sie erklomm, gerne auch zweimal am Tag – hoch, mit der Gondel runter und noch einmal hoch. „Wenn ich unterwegs war, habe ich versucht, auf mindestens 1000 Höhenmeter täglich zu kommen.“  

Martin Härtl nahm es aus der Ferne zufrieden zur Kenntnis. „Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht.“ Auch der Bundestrainer Ralf Rombach stellt Klug ein gutes Zeugnis aus. „Sie hat ihr Grundniveau erhöht und ist noch belastungsfähiger geworden“, sagt er. Wie viel das wert ist, wird sich im Wettkampf zeigen. Neben dem Biathlon-Doppelweltmeister von 2017, Martin Fleig (Ring der Körperbehinderten Freiburg) und den beiden Paralympics-Siegerinnen von Sotschi 2014, Andrea Eskau (USC Magdeburg) und Anja Wicker (MTV Stuttgart), zählt Clara Klug zu den heißesten Eisen im Feuer der deutschen Nationalmannschaft. Zum Weltcup-Auftakt geht es nach Canmore in Kanada (9. bis 17. Dezember), im neuen Jahr folgt der Heim-Weltcup in Oberried (20. bis 28. Januar). Die zuletzt infolge des McLaren-Berichts dopingbedingt gesperrten russischen Langläufer und Biathleten kehren unter Vorbehalt zurück, sie dürfen unter neutraler Flagge starten. „Die Leistungsdichte in der Weltspitze wird dadurch enger“, betont Klug, die dennoch so schnell wie möglich die Norm für die Paralympischen Spiele im März erfüllen will. Um in PyeongChang ganz sicher dabei zu sein, müsste sie einmal Dritte in einem Weltcup-Rennen werden, auch der vierte Platz könnte unter Umständen reichen.

Nach PyeongChang wartet Peking 

Mit ihren Erfolgen des vergangenen Winters hat Clara Klug die eigene Messlatte hochgehängt. Auch in Südkorea soll wieder eine Medaille herausspringen – unabhängig davon, ob Russlands Athletinnen und Athleten bei den Spielen starten dürfen oder gesperrt bleiben. Der Sprung aus der Nachwuchselite-Förderung ins von der Allianz Deutschland AG, der Deutschen Telekom AG, der Sparkassen-Finanzgruppe und der Toyota Deutschland GmbH getragene Top Team des Deutschen Behindertensportverbands hat die Erwartungen ebenfalls geschürt, aber auch mächtig Erleichterung gebracht. „Finanziell ist das eine wahnsinnig wichtige Unterstützung“, sagt Klug, die sich die Freiheit eines Urlaubssemesters nahm. Nach den Paralympics wird die Studentin der Computerlinguistik ihre Bachelorarbeit schreiben.

Nach den Paralympics ist aber auch vor den Paralympics, nach PyeongChang also vor Peking, wo die Spiele im Jahr 2022 stattfinden. „Dann bin ich 27. Das ist eigentlich das beste Alter für eine Biathletin“, sagt Klug und stellt klar: diese ersten fünf intensiven Jahre als Ausdauersportlerin waren nur ein Anlaufnehmen. „Ich habe noch so viel Nachholbedarf, will noch an so vielen Schrauben drehen.“ Martin Härtl hört das gerne. Er ist der gleichen Meinung. „Diese Spiele werden ein riesiges Highlight. Aber die Topform ihres Lebens hat Clara noch vor sich“, betont er. Der gemeinsame Weg von Trainer und Schützling, er ist noch lange nicht beendet.

Quelle: Ben Schieler

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