DOSB - Olympiamannschaft


Meine PARALYMPICS // Bye, bye, Vanessa // Annette Kögel winkt der Athletin Low auf der anderen Seite der Welt zu

Wo die Liebe eben so hinfällt. Im Behindertensport scheinen sich besondere Bande rund um die Welt zu knüpfen. Genauer gesagt: Gern zwischen deutschen und australischen Leichtathleten. Denn die Deutsche Paralympische Mannschaft verliert mit Vanessa Low mal wieder eine Ausnahmesportlerin, die es der Liebe wegen nach Down Under zieht. Unsereins erinnert sich noch gut an die nach einer Krebserkrankung unterschenkelamputierte Christine Wolf vom Paralympischen Sport Club Berlin, die ein Jahr nach den Paralympics in Athen 2004 zum Läufer Heath Francis nach Australien umzog.

Vanessa Low hat im deutschen Team zuletzt eine Karriere hingelegt, mit der sie nicht gerechnet hat, als sie Mitte Juni 2006 als Schülerin an einem Bahnsteig bei Ratzeburg ihre Beine verlor. Im Gedränge war das am 17. Juli 1990 in Schwerin geborene Mädchen aufs Gleis gestoßen worden. Zehn Jahre nach dem Zugunglück, 2016, wurde Vanessa Low in Köln Behindertensportlerin des Jahres. Tagesspiegel-Leser kennen sie von Titelbildern unserer "Paralympics Zeitung" gemeinsam mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Gleich nach ihrem damaligen Unfall hatte sich Low als Therapie den Laufsport mit Oberschenkelprothesen verordnet und sie rannte schon wieder im Training, als sie noch an Krücken gehen musste. Low startete 2009 ihre Karriere beim TSV Bayer 04 Leverkusen. 2013 wollte sie eigentlich im Beruf als Mediengestalterin in Bild und Ton arbeiten. Dann aber zog es sie in die USA, nach Oklahoma City, um beim Paralympioniken Roderick Green in Vollzeit zu trainieren - für ihr großes Ziel, Medaillen bei den Sommer-Paralympics 2016 in Rio zu erreichen - was gelang. Die doppeloberschenkelamputierte Welt- und Europameisterin kam mit Gold in neuer Weltrekordweite von 4,93 Meter im Weitsprung aus Brasilien zurück. Ebenfalls in Rio lief sie über 100 Meter im Finale ihrer Startklasse T 42 neuen deutschen Rekord in 15,17 Sekunden - Silber.

Doch nicht nur im Sport läuft es. Ihr Glück sah man ihr auch bei Besuchen im Tagesspiegel an. Low hatte seit 2014 Fernstudiengang Digitale Medien an der Wilhelm Büchner Hochschule studiert. Und privat ist sie mit dem australischen Athleten Scott Reardon liiert, so dass sie nach den Paralympics 2016 nach Australien zog. Mit neuer Staatsangehörigkeit will sie zukünftig für Australien starten. Der Deutsche Behindertensportverband gab sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge frei. Auch die Aussie- Flagge sieht auf den Prothesen cool aus.

Meine PARALYMPICS // Immer weiter im Takt // Annette Kögel erinnert sich an alte und freut sich auf neue Sportarten

Heinrich Popow weiß jetzt, was Frauen in High Heels so alles aushalten müssen. Nicht, dass der mehrfache Paralympicssieger nun etwa in hochhackigen Stilettos aufgetreten ist. Aber er tanzte bei den Tranings und in der Show "Let’s Dance" in Männerschuhen mit Absatz - und das sei auch schon ziemlich heftig, erzählte der Sonnyboy des deutschen Behindertenleistungssports bei einem Termin im Ottobock Science Center am Potsdamer Platz. Popow musste infolge einer Krebserkrankung in der Wade im Alter von neun Jahren ein Bein amputiert werden, links steckt sein Oberschenkelstumpf in einem Prothese. Das ist längst Teil seiner selbst, und er steht auf zwei Beinen.

Trotzdem hat er mit der Teilnahme an der Tanzshow vor Millionenpublikum Neuland betreten. "Wenn Du bei Paralympics Gold geholt hast, denkst Du ja, Du bist schon ganz oben", sagt der Leichtathlet vom TSV Bayer 04 Leverkusen. Aber das Tanzen habe ihm eine neue Welt erschlossen und ein völlig neues Körpergefühl gegeben, weg vom kantigen Geradeaus hin zum lockeren Hüftschwung. Da habe er gelernt, wie man das Prothesenbein auch aus einer geschwungen Acht heraus nach vorne setzen kann, statt es mit dem Kopf und Kniechipcomputer berechnend zu steuern. "Ich habe die Freiheit der Emotionen wiedergefunden", sagte er.

Leider aber kam er auch an seine Grenzen. Wegen einer entzündeten Sehne am Beinstumpf neben den Nervenenden, "die ziemlich beleidigt sein können", musste er aus der Show aussteigen. Die hat ihm gezeigt, dass es mit der Inklusion auch noch nicht so weit her ist wie gedacht. So kamen gerade auf Facebook gehässige Kommentare. Warum er denn sein Kunstbein so "demonstrativ" mit kurzem Hosenbein präsentieren müsse? Musste er unter anderem deswegen, weil sein Knie sonst die dünne Tanzhose gefressen hätte. "Schon meine Mutter ist früher immer verzweifelt, weil sie für mich als Junge ständig neue Hosen kaufen musste." Popow tanzte weiter - in der Hoffnung, "dass der penetrante Blick auf mein Bein den Anblick einfach normal werden lässt".

Normal ist bei dem gebürtigen Kasachen, dass er nie stehen bleibt. Ein Bein behält er im symbolischen Sinne beim Leistungssport. Wenn die Gesundheit es zulässt, will er auf jeden Fall bei der WM 2017 in London starten. Wenn er dieses Jahr passen muss, will er bei der EM der Leistungssportler mit Behinderungen in Berlin im Sommer nächsten Jahres seine Sportlerkarriere beenden - um dann dem Nachwuchs als Mentor zur Seite zu stehen. Vorher appelliert er noch dringend an alle Sportfunktionäre, für das Ereignis in Berlin ordentlich Werbung zu machen, damit es keine Wettbewerbe vor leeren Rängen werden. Das schlägt einem als Paralympics-Kenner nämlich echt aufs Gemüt, wenn solche Wettkämpfe wirken wie eine Dorfveranstaltung.

Der gerade ausgebildete Orthopädietechniker möchte künftig mehr zwischen Entwicklern und Kunden im Orthopädiefachgeschäft vermitteln, um die Prothesen und Orthesen noch kundengemäßer nutzbar zu machen. Mit den Hilfsmitteln verhält es sich Popow zufolge wie mit allen modernen Hightechgeräten: Sie bieten etwa mit Fernbedienungen jetzt schon Millionen Möglichkeiten, von denen der Nutzer nur einen Bruchteil in Anspruch nimmt. Alle gucken ja auch schon in Richtung der nächsten Sommerparalympics in Japan 2020, wo laufende Menschenmaschinen dank Exoskletten alltäglicher werden sollen.

Nur Werkstatt oder Labor ist aber auch nichts für Heinrich Popow. Er plant gemeinsam mit seinem Förderer und Arbeitgeber Ottobock weitere motivierende "Running Clinics", demnächst etwa in Saudi-Arabien. Er selbst will sich mittelfristig an einen Marathon wagen, "um mal diesen Mann mit dem Hammer hinter mir zu spüren". Und er will das Tanzen in die Rehabilitation integrieren. Heinrich Popow gibt also zum Glück auch weiter den Takt an.

Mögen die Besten gewinnen // Annette Kögel sucht junge Reporter für die Paralympics Zeitung 2018

Es war ein Megaevent, das Premierespringen kürzlich auf der umgebauten Skiflug-Schanzenanlage in Oberstorf mit ihrem 72 Meter hohen, frei schwebenden Anlaufturm. Und doch fehlte mir etwas: meine Athleten mit Behinderung. Einmal Paralympicsfan, immer Paralympicsfan. Zum Glück kann ich einen der sympathischen Extremsportler freitags auf RTL bei der Tanzshow "Let’s Dance" beobachten. Heinrich Popow, der als Sommersportler 2012 über 100 Meter und 2016 im Weitsprung Paralympics-Gold gewann, begeistert da mit Authentizität und Sätzen wie: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Instagram- und Facebook-Idealen hinterherjagen und sich selbst vergessen. Ich bin stolz, ein Creep und Kauz zu sein." Sein Hauptziel habe er erreicht, "die Leute zu sensibilisieren, Berührungsängste und den Ekel vor der Amputation abzubauen. Und Mitleidspunkte will ich nicht."

Um Typen wie Popow persönlich kennenzulernen, muss man nicht schon bei der Zeitung arbeiten. Im Jahr 2004 haben wir mit unserem Projekt Paralympics Zeitung mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und dem Deutschen Behindertensportverband das erste Mal Schülern die Chance gegeben, live als Nachwuchsreporter beim zweitgrößten Sportereignis der Welt dabei zu sein. Auch ich war aufgeregt, bei meiner Projektpremiere, im Olympiastadion in Athen. Jetzt können sich sportbegeisterte 18- bis 21-Jährige vom 15. Mai an für die nächste internationale PZ in Südkorea bei den Winterparalympics in Pyeongchang 2018 bewerben. Aus dem Motivationsschreiben sollen Leidenschaft und Stressresistenz hervorgehen, der journalistischen Beitrag soll Talent beweisen, Erfahrung mit Social Media ist Voraussetzung. Bewerbungsschluss ist der 29. Juni 2017. Fragen beantwortet unsere neue PZ-Kollegin Tanja Peuker - herzlich willkommen im Team! - unter der Email-Adresse paralympics@tagesspiegel.de. Im Internet steht weiteres unter www.tagesspiegel.de/paralympics-zeitung. Mögen die Besten gewinnen!

Annette Kögel ist Mitbegründerin der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels und schreibt hier immer jeden ersten Mittwoch im Monat

Das ist der Gipfel // Annette Kögel staunte beim Paraclimbing und blieb am Boden

Für die meisten Menschen ist der Mount Everest untrennbar mit dem Namen seines Erstbesteigers Sir Edmund Hillary verbunden - manchen fällt dann noch der nepalesische Bergsteiger Tenzing Norgay ein, der alles erst möglich machte. Ich muss da immer an Marc Inglis denken, der 2006 als Mann ohne Beine den höchsten Berg der Welt erklomm. Wie das geht? Mit zwei Prothesenbeinen, mit denen Amputierte heutzutage auch dank Computertechnik im Gelenkchip rennen oder springen können wie andere mit ihren angeborenen Beinen. Dem Extremsportler Inglis waren nach einer missglückten Expedition am neuseeländischen Mount Cook wegen schwerer Erfrierungen beide Beine unterhalb des Knies amputiert worden. Nach dem Mount-Everest-Triumph verlor er dann auch wegen der Kälte mehrere Finger, die ihm abgenommen werden mussten. Und er hatte noch andere Probleme. Eben die Bergsteiger-Legende Sir Edmund Hillary warf ihm vor, unterhalb des Gipfels dem bewusstlosen Briten David Sharp nicht geholfen zu haben. Der starb.

Inglis entgegnete deutschen Medien damals, er sei selbst doch hilflos gewesen, sei mit offenen Stümpfen auf einer Matte von Yaks gezogen und schließlich von Sherpas getragen worden, während 39 andere Menschen mit gesunden Beinen, die hätten helfen können, ebenso an dem Mann in Not vorbeigezogen waren.

Der Mann in den Bergen - so hieß ja auch eine legendäre Fernsehserie - das war schon immer ein hoch emotionales Thema, nicht nur im Behindertensport. Der teilquerschnittsgelähmte Deutsche Michael Teuber, wie früher Marc Inglis paralympischer Radsportler, hat schon mal für Martina Navratilova, die nicht mehr konnte, den Tennisschläger auf den Kilimandscharo hochgetragen. Gerade kam er pünktlich zum 17. Hochzeitstag aus Ecuador zurück, vom Gipfel des knapp 6300 Meter hohen Chimborazo.

Es müssen ja nicht gleich derartige Höhenflüge sein, um ein Hochgefühl zu haben. Ende März ging es etwa im DAV Kletterzentrum Berlin an der Seydlitzstraße hoch her. Da war es beim "Tag des Paraclimbing" richtig voll. Es kletterten und sicherten sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die die Umwelt statt mit den Augen eben mit dem Gefühl wahrnehmen, die einzelne Gliedmaßen verloren oder von Geburt an ohne sie ganz vorzüglich leben. Jungs mit Orthesen schlugen ohne Probleme knapp unter der Hallendecke an - und ließen Nichtbehinderte unten am Boden staunen. Auch darüber, wie mühelos Inklusion bei den Veranstaltern, der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins gemeinsam mit dem Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Berlin e.V., und ihren Klettertrainern mit Behinderung klappt. Die blinde Berliner Schwimmerin und mehrfache Paralympics-Siegerin Daniela Schulte war begeistert mittenmang.

Nun hadern ja derzeit die Nichtbehinderten damit, auf welche Weise das Klettern jetzt olympisch ist, da wird nämlich Bouldern und Höhenklettern zu einer Disziplin, was so niemand zusammen trainiert. Beim Paraclimbing gibt es mit Weltmeisterschaften Erfahrungen. Doch bevor Handicap-Klettern heutzutage paralympisch werden sollte, gälte es, organisatorische Klettersteige zu bezwingen. Erste Schritte wären getan: Die Paraclimbing Commission ist seit 11. März gewählt. Vom 30. August bis 10. September finden in Innsbruck die "IFSC Youth World Championships 2017" statt und ebenfalls in Österreich der Coup "IFSC World Championships 2018" vom 6. bis 16 September in den Disziplinen Lead, Bouldering, Speed und Paraclimbing. Bei allem sei wie immer der Weg das Ziel.

Meine PARALYMPICS // Wer suchet, der findet - wenn er sucht // Annette Kögel begrüßt den deutschen Ruf nach mehr Dopingkontrollen

Im Sport sehen alle gern genau hin, bei Weiten und Höhen, bei Längen und Zeiten. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) schaut jedoch auch bei Doping-Tests genau hin. So hat der DBS nun in den Jahresberichten 2014 und 2015 der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) geblättert. Und bei mehreren Nationen keinen oder kaum einen Nachweis von regelmäßig durchgeführten Trainings- und Wettkampfkontrollen gefunden. In welchen Ländern genau? Auch in einigen von denen, die im Medaillenrang der Paralympics 2016 in Rio ganz oben standen, etwa beim Mega-Abräumer China. Das Team der Volksrepublik holte 107-mal Gold, 81-mal Silber und 51-mal Bronze. Aber auch für die Ukraine oder Australien fehlen Nachweise - und der Bericht des Vorjahres liegt noch nicht vor.

Gemach: Niemand schließt nun gleich darauf, dass in diesen Ländern womöglich in einem Ausmaß wie beim strukturellen Doping in Russland künstliche Leistungssteigerungen vorgenommen wurden. Testergebnisse zu kennen, würde aber erst keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Nun hat der DBS das Internationale Paralympische Komitee (IPC) aufgefordert, die nach den Erkenntnissen aus dem McLaren-Report aufgestellten Anti-Doping-Maßnahmen für Russland auch auf andere Nationen auszuweiten, wenn dort nachweislich kein funktionierendes Anti-Doping-System existiert.

Es gebe auf der Welt nicht nur in Russland Missstände, appellieren DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher und Vizepräsident Karl Quade. Und solche Länder sollten erst wieder antreten dürfen, wenn sie die Kriterien vollständig erfüllen. Dazu gehören eben der Nachweis von regelmäßigen Trainings- und Wettkampfkontrollen, wie sie etwa im Schwimmen und in der Leichtathletik vermisst werden. Das IPC teilte dem DBS wiederum noch mit: Sollte Russland die geforderten Maßnahmen im Anti-Doping-Kampf in allen Punkten umsetzen, sei die Tür für die Paralympics in Pyeongchang 2018 noch nicht verschlossen.

Je professioneller der Behindertenleistungssport, desto höher sind die Anreize für die Athleten, gewinnbringend zu schummeln. Aber immer mehr Menschen lieben die Paralympics. Daher muss mehr Geld in die Hand genommen werden für mehr - kostspielige - Doping-Tests, vor, während und nach den Spielen. Das Thema sollte erst recht bei der Weltsportministerkonferenz im Juli im russischen Kasan behandelt werden. Und Philip Craven sollte sich in diesem Jahr als IPC-Präsident nicht verabschieden, ohne die richtigen Weichen gestellt zu haben.
Annette Kögel ist Mitbegründerin der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels
und schreibt hier immer jeden ersten Mittwoch im Monat.

Kögel Annette

Immer neue Abenteuer / Annette Kögel über den rastlosen Behindertenradsportler Michael Teuber

Michael Teuber bei den Paralympischen Spielen in Rio 2016. Quelle: Picture Alliance

Ohne Action und Abenteuer kann Michael Teuber einfach nicht. Nun hat sich der Behindertenradsportler ein neues großes Ziel gesetzt: Der 49-Jährige will auf den Chimborazo in Ecuador. Als erster Bergsteiger mit Behinderung will der Paralympicssieger den 6278 Meter hohen Gipfel in Südamerika besteigen.

Der Chimborazo ist der Berg, auf dem Alexander von Humboldt 1802 als Erster sein wollte - nach damaligen Kenntnisstand war es der höchste Berg der Erde. Humboldt scheiterte einst auf 5600 Metern. Und Michael Teuber, der bei einem Autounfall 1987 eine inkomplette Querschnittlähmung erlitt, durch die er unterhalb des Kniegelenks komplett gelähmt ist, sagt jetzt voller Überzeugung: "Anders als Humboldt kann ich es schaffen!"

Gut vier Monate nach seiner fünften paralympischen Goldmedaille 2016 in Rio de Janeiro reiste Michael Teuber am vergangenen Sonntag in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Mit dabei sind auch sein Freund Thilo Komma-Pöllath, Co-Autor von Teubers Autobiografie "Aus eigener Kraft" sowie eine kleine Gruppe von Bergsteigern des Deutschen Alpenvereins. Der Expeditionsleiter ist ein legendärer Bergsteiger aus Ecuador: Marco Cruz. Er hat den Chimborazo mehr als 600 Mal bestiegen und wird "Reinhold Messner der Anden" genannt.

Der Gipfel des Chimborazo ist wegen seiner Nähe zum Äquator der Punkt der Erdoberfläche, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist - also genau das richtige für den Extremsportler Michael Teuber. Er hat sich in den vergangenen zehn Jahren an immer schwierigere Gipfel herangewagt: Los ging es mit 3000ern in den Alpen, 2008 bezwang er den 3720 Meter hohen El Teide auf Teneriffa erstmals ohne große Pause.

Der Chimborazo stellt für Michael Teuber nun aber eine neue Herausforderung dar. Die Kälte in so großer Höhe kann ihm wirklich gefährlich werden. Weil er wegen seiner inkompletten Querschnittlähmung seine Beine nicht spürt, können ihm mögliche Erfrierungen an den Füßen zu spät auffallen. Und dann muss er bis zu 45 Grad steile Gletscherflanken mit komplett gelähmten Unterschenkeln per Steigeisen erklimmen - es wird ihm alles abverlangen. Aber bisher hat Michael Teuber all seine Abenteuer gemeistert.

Meine PARALYMPICS // Lauter tolle Typen // Annette Kögel freut sich für die paralympischen Sportler des Jahres

Das Dutzend ist voll. Zum zwölften Mal hatte der Deutsche Behindertensportverband dazu aufgerufen, Sportlerinnen, Sportler und Teams auszuzeichnen. Das paralympische Jahr 2016 hat würdige Sieger bei dieser Wahl hervorgebracht. Bei den Männern etwa den Kugelstoßer Niko Kappel. Als Kleinwüchsiger hat man es auch im Behindertensport nicht leicht, weil andere Athleten mit ihren Hightechsportgeräten bessere Bilder abgeben. Bei dem Festakt freute sich zudem der Berliner Tom Kierey über seine verdiente Ehrung als Nachwuchssportler.

Bei den Frauen wurde Vanessa Low geehrt. Zu Recht. Die Leichtathletin ist seit Jahren das weibliche Gesicht des deutschen Behindertensports und gewann in Rio Gold im Weitsprung und Silber über 100 Meter. Aber natürlich hätten auch andere Sportlerinnen diese Auszeichnung verdient gehabt. Wie die Kugelstoßerin und Weitspringerin Franziska Liebhardt. Die gebürtige Berlinerin zeigte als Organtransplantierte und Autoimmunerkrankte, dass trotz allem Leistungssport möglich ist. Und die beinamputierte Christiane Reppe ist ein Beispiel für die Flexibilität im Behindertenleistungssport. Die frühere Schwimmerin holte bei den Sommer-Paralympics Gold - im Handbike-Straßenrennen.

Und man hätte auch Marianne Buggenhagen, die Grande Dame des Behindertenleistungssports, für ihr Lebenswerk auszeichnen können. Sie hätte ich nominiert, sie umarme ich in Gedanken.

Meine PARALYMPICS // Das Blatt wendet sich // Annette Kögel freut sich über mehr Geld für mehr Gold

Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit den Athleten bei der Auszeichnung des Silbernen Lorbeerblattes. Bild: Picture Alliance

Es ist eine kleine Brosche beziehungsweise eine Anstecknadel, und doch ist jeder stolz, der sie bekommt: Am Dienstag verlieh Bundespräsident Joachim Gauck den 124 Medaillengewinnern der Olympischen und Paralympischen Spiele von Rio de Janeiro in Berlin das Silberne Lorbeerblatt - die höchste nationale sportliche Auszeichnung. Viel Lob, viel Ehr’, viel Party: Bereits am Montag feierten die Sportler im Tipi-Zelt am Kanzleramt, da gab es auch die Schecks in Höhe von 20 000 Euro für eine Gold- und 15 000 Euro für eine Silbermedaille sowie 10 000 Euro für Bronze. Die Prämien für Edelmetall liegen bei den Paralympischen und Olympischen Sportlern inzwischen auf dem gleichen Niveau, recht so. "Ich bin sehr dankbar, dass die Prämien angepasst worden sind. Das zeigt die Wertschätzung des Paralympischen (entweder groß wie oben oder alles klein) Sports", befindet auch Weitsprung-Paralympicssieger Markus Rehm.

Solche Zeremonien sind aber auch immer ein Anlass des Appells. Und so rufe ich von meinem Zuschauerplatz auf dem Rang allen nur zu: Im Bundestag wird überlegt, die Jahresförderung aus dem Innenministerium für die Stärkung des paralympischen Nationalkaders von 3,2 Millionen um künftig 1,5 Millionen aufzustocken? Was für ein tolles Signal das wäre, stünden 40 Prozent mehr für Trainingsgerät, Trainerhonorare und die Reisen zu den Europa- und Weltmeisterschaften bereit.

Im Behindertenleistungssport werden schon sieben hauptamtliche Bundestrainer sowie 19 Trainer an paralympischen Stützpunkten von Bund, Ländern sowie Drittmittelgebern finanziert. Es fehlen aber noch Trainer, denn was viel Geld und Energie kostet, ist doch die Sichtung und die Förderung nachkommender Talente. In Rio hat sich gerade gezeigt, wo Spitzensportler geboren werden: dort, wo Behinderte und Nichtbehinderte zusammen trainieren, wie etwa in Leverkusen.

Um so etwas auch in anderen Sportarten zu befördern, sollten herkömmliche Vereine Geld für die Handicap-Athletenförderung bekommen. Schön zu hören, dass sich bei der Top-Team-Förderung neben einigen bereits bekannten Unternehmen auch andere verdient machen. Und noch mehr Unternehmen zeigen Interesse? Frisch voran! Wie Förderung lokal gehen kann, zeigte jüngst die Kampagne "Ungehindert de Janeiro" des Behinderten-Sportverbandes Berlin und des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche - auch der gebührte ein Lorbeerblatt.

Meine PARALYMPICS // Fragen stellen - und beantworten! // Annette Kögel ist dagegen, Generationen von Athleten zu bestrafen

Das Maracanã-Stadion bei der Eröffnung der Paralympischen Spiele 2016 in Rio. Quelle: Picture Alliance

Die aktuellen Paralympischen Spiele sollen immer die besten Spiele jemals gewesen sein, versprechen die Veranstalter vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC). Was die Begeisterungsfähigkeit der Brasilianer angeht, lag das IPC nicht falsch, das Publikum machte, anders als bei Olympia selbst, für die Gegner Stimmung. Obwohl mir der Anblick der teils leeren oberen Ränge im Olympiastadion in der Seele wehtat. In Peking 2008 und London 2012 war die Arena regelmäßig mit mindestens 80 000 Leuten gefüllt.

Vielleicht erklären sich die teils leeren Ränge ja auch dadurch, dass die russische Fangemeinde dem schwülen Rio die kalte Schulter zeigte, nach dem Komplettausschluss der Russen durchs IPC. Das war ja ein richtiger Schritt im Sinne sauberer Paralympics. Staatsdoping geht nicht. Beleidigt und zugleich die eigenen Athleten wertschätzend, ehrte der russische Staatspräsident Wladimir Putin alle Verstoßenen mit einer alternativen paralympischen Sportveranstaltung.

Sport und Politik lassen sich eben schwerlich trennen, auch wenn der organisierte Sport das gern so hätte. Durch den Ausschluss der russischen Sportler hatten die Paralympics von Rio ihre politische Komponente. Dazu gehört auch, dass der weißrussische Athlet Andrej Fomotschkin als Dank für seinen Fahnenprotest bei der Eröffnungsfeier in Rio nun eine Neubauwohnung in Moskau geschenkt bekommen hat. Fomotschkin war aus Solidarität mit Russland mit einer russischen Fahne ins Maracana-Stadion eingezogen. Das IPC hatte ihn daraufhin von den Wettbewerben ausgeschlossen. Ein großzügiger Spender belohnte Fomotschkin jetzt für seinen Mut, teilte Sprecherin Maria Sacharowa vom Außenministerium über die russische Presseagentur Tass mit.

Und natürlich ist das Thema Doping mit dem Ende der Spiele noch lange nicht vom Tisch. Nachdem russische Behindertensportler gegen den Ausschluss Klage eingereicht haben, hat nun wiederum das Internationale Paralympische Komitee in einem Brief an Russland die Rücknahme dieser Klagen gefordert. "Wir sagen, so lange unsere Entscheidungen nicht gerichtsfest sind, können wir nicht unsere Kriterien zur Aufhebung der Suspendierung festlegen", sagte IPC-Sprecherin Eva Werthmann gerade der Deutschen Presse-Agentur.

In Moskau wiederum kritisierte Pawel Roschkow, der Vizepräsident des Russischen Paralympischen Komitees, das IPC. Denn schon im Oktober laufe die Voranmeldefrist zu den Paralympischen Winterspielen in Pyeongchang in Südkorea 2018 ab. "Wir brauchen verbindliche Kriterien vom IPC, anhand derer wir uns vorbereiten könnten. Aber bislang schicken sie uns nur völlig unverständliche Forderungen und wollen auch, dass wir die Gerichtsverfahren einstellen", sagte Pawel Roschkow der "Tass".

Geht das so nun endlos hin und her? Und dürfen wirklich Generationen von Athleten eines Landes gleich von mehreren Spielen hintereinander ausgeschlossen werden? Nach der Sperre der russischen Sportler für Rio sollten das Land und das Team eigentlich geläutert und gewarnt sein. Aber geht es in Sachen Doping wirklich nur um russische Verfehlungen? Wie verhält es sich etwa mit dem Medaillenmagnaten China? Oder mit dem Gastgeber Brasilien, der vor den Spielen Dopingtests offiziell untersagte? Auch diese Fragen müssen im Sinne sauberer Paralympics gestellt und beantwortet werden.

Meine PARALYMPICS // Per Stream zu den Spielen // Annette Kögel winkt wehmütig vorm heimischen Bildschirm Richtung Rio

Der Einlauf der Paralympischen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier in Rio 2016 - leider ohne Annette Kögel. Quelle: Picture Alliance

Es sind jetzt wieder diese Tage, an denen ich einen Rollstuhlfahrer im Nationendress am Flughafen sehe - und das Herz höher hüpft in Vorfreude auf die Spiele. Leider sehe ich die Athleten aber diesmal nicht selbst live am Flughafen in Rio, sondern nur auf Whatsapp als Foto. Dank des tollen Teams der "Paralympics Zeitung", das seit seiner Ankunft in Brasilien reichlich sendet, schickt und postet. Es sind die ersten Spiele seit Athen 2004, die ich als Begründerin unseres Nachwuchsjournalistenprojektes PZ nicht selbst vor Ort miterleben kann. Das hat in diesem Jahr alles seinen guten Grund, es gibt eben auch im Leben neben dem Beruf soziale Nachwuchsprojekte, die einem ans Herz gehen. Aber ganz ehrlich, gerade würde ich am liebsten 24-Stunden-Caipi-Dauertrinken zum paralympischen Trost.

Aber hey, zum Glück gibt es heutzutage und ganz anders als beim Start des Projektes vom Team Tagesspiegel und Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung (DGUV) vor zwölf Jahren nun eine weltweit umfassende Berichterstattung über die Paralympischen Spiele, nicht nur in dieser Zeitung, Print wie Online, sondern auch in den sozialen Medien. Die PZ mit ihren fünf Ausgaben - die erste deutsche liegt Donnerstag bei - hat wieder eine Millionenauflage.

Bestens einstimmen und warmmachen kann man sich auch erstmal auf Youtube mit dem Spot des britischen Fernsehkanals Channel 4: "We’re the Superhumans Rio Paralympics 2016 Trailer". Der zeigt Sportler samt schmissigem Bigbandsound mit dem Refrain "Yes we can". Cool! Wer ein bisschen ernsthafter und fundierter, aber nicht weniger leidenschaftlich an die Sache herangehen will, dem sei die Onlineseite www.tagesspiegel.de/paralympics empfohlen. Da finden sich Berichte, Bilder und Filme des 22-köpfigen Nachwuchsreporterteams aus Deutschland, Brasilien und Großbritannien sowie der Tagesspiegel-Kollegen. Ehemalige PZ-Reporter nehmen uns Daheimgebliebene im Social-Media-Team der DGUV über Instagram, Snapchat, Twitter und Facebook in die Arenen an der Copacabana mit, alles mitzuerleben unter www.dguv.de/pz. Und dann gibt es noch den Youtube-Kanal, auf dem das Internationale Paralympische Komitee IPC vielfach live streamt unter: "Paralympic SportTV". Eigentlich braucht man aber für diese Übertragungen Dolby-Surround-Systeme am heimischen Laptop, denn dieses Glücksgefühl, dass einen auch als Journalist durchströmt, wenn wie einst im ausverkauften Londoner Olympiastadion plötzlich mehr als 80 000 Zuschauer im Jubelrausch lauter sind als ein Flugzeug, das kann kein noch so guter digitaler Kanal rüberbringen.

Meine PARALYMPICS // Kein falsches Spiel // Annette Kögel appelliert ans IPC, dem IOC ein Vorbild zu sein

Das legendäre Maracana-Stadion: Die Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele wird dieses Jahr wohl ohne die Mannschaft aus Russland stattfinden. Quelle: Picture Alliance

Während Paralympischer Spiele überschlagen sich Anhänger des Behindertenleistungssports immer mit Lob: Die Paralympics seien das wahre Olympia, denn es gehe viel mehr um Teamgeist, Fairness und puren Wettstreit. Schön wär’s. Denn je professioneller der Sport und seine Events, je höher die Medienpräsenz, Sponsorenbeträge und Medaillenprämien, desto eher lassen sich Athleten zum falschen Spiel verleiten. Das betrifft Sportler aller Nationen. Doch derzeit einzigartig ist eine so staatsgeförderte künstliche Leistungssteigerung, wie sie der kanadische Jurist und Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Richard McLaren im russischen Sport sieht. Russlands Sportministerium hat wohl alles gebilligt.

Das Internationale Paralympische Komitee IPC erhielt von McLaren die Namen von 35 Sportlern, die in Verbindung mit verschwundenen positiven Dopingproben aus dem Moskauer Kontrolllabor stehen sollen. Zudem hat der Dachverband 19 Proben von den Winter-Paralympics 2014 in Sotschi zur Nachkontrolle geschickt, bei denen der Verdacht besteht, dass sie damals ausgetauscht wurden. In Sotschi - das mal ein Blick auf die Statistik - holten die Russen allein 80 aller 216 Medaillen. "Der Report hat einen unvorstellbaren Umfang an institutionellem Doping im russischen Sport aufgedeckt, das auf dem höchsten Level gesteuert wurde. McLarens Erkenntnisse sind eine ernsthafte Besorgnis für alle, die sich einem sauberen und ehrlichen Sport verpflichtet fühlen", sagte IPC-Präsident Philip Craven.

Nachdem vom Internationalen Sportgerichtshof Cas bestätigten Ausschluss russischer Leichtathleten von Olympia hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Komplettausschluss abgelehnt. Den hatte die Wada IOC und IPC jedoch empfohlen. Nun kann man Craven und dem IPC, das sich sonst bei politisch brisanten Resolutionen eher zurückhält, nur Mut anraten. Russland hat die Teilnahme verspielt, das sieht auch der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Friedhelm Julius Beucher so. Nichts trifft Athleten - und Hintermänner - so hart, wie den Lohn für vier Jahre Arbeit nicht ernten zu dürfen. Und beim Ausschluss darf es nicht bleiben. Es müssen auch die Brasilianer als Ausrichter viel genauer beleuchtet werden. Und das paralympics-spezifische Doping wie etwa "Boosting" für mehr Adrenalinausstoß und Blutdruck bei Gelähmten sowie die Medikamentengabe müssen stärker überprüft werden. Dem Doping gilt der Komplettausschluss.


Mit dem Basketball - und mit Paddel // Annette Kögel über Multitalente auf dem Weg nach Rio de Janeiro

Bild: picture alliance

Mit dem Geradeauspaddeln war das so eine Sache. Edina Müller, die man sonst als Rollstuhlbasketballerin mit Paralympics-Medaille um den Hals kannte, hatte anfangs im Para-Kanu doch einige Probleme mit dem Kurshalten. Erstmal versuchsweise das Ruder festgebunden, einen individuell angefertigten Sitz ausprobiert - dann klappte es mit dem Wassersport bei der 37-Jährigen mit Querschnittlähmung, auch jetzt während der Heim-WM in Duisburg: Sie holte Gold über 200 Meter.

Edina Müller ist ein echtes Multitalent. Ihren jetzigen Erfolg hat sie auch Arne Bandholz, Trainer und Sportwart des Hamburger Kanu Clubs, zu verdanken. Aber zuallererst sich selbst, und dem alten Hobby Wassersport neben dem Rollstuhlbasketball. Müller trainierte zunächst mit einem Wanderkanu samt Rennpaddeln. Und schon nach einem halben Jahr war die Paralympionikin erneut Weltspitze. Sie wollte ja eigentlich mit dem Leistungssport aufhören, doch dann lockten die Spiele in Rio im September. Von ihrer Arm- und Oberkörpermuskulaturkraft profitierte sie, die gleicht beispielsweise fehlende Stemmbrettstabilität aus, weil sie sich nicht aktiv abstützen kann.

Kriegen die denn gar nicht genug, diese Paralympioniken?

Manche wollen einfach nicht vier Jahre warten, bis sie wieder paralympisch an die Reihe kommen, wie Andrea Eskau, die als Nordische Winterathletin bekannt ist und zugleich in Peking 2008 beim Sommer-Straßenrennen im Handbiken Gold holte, in London 2012 kam zusätzlich der Sieg beim Zeitfahren dazu. Oft nutzen Athleten Trainingserfahrung und Kompetenz dank der ohnehin von Ihnen im Leben gefragten Flexibilität. Neue Disziplin, neue Motivation.

Ihren beeindruckenden Oberkörper nutzt auch Schwimmerin Christiane Reppe, Ehrgeiz und Spaß sind ihr Antrieb, diesmal fürs Handbiken.

Ob also das nahende Karriereende nochmal den Turbo in einem anderen Bereich anwirft, in dem man auch gewinnen kann. Oder ob es einfach naheliegende Synergieeffekte auch dank internationaler Wettkampferfahrung sind - manche Namen liest man auf der Anzeigetafel während der Spiele bei Hitze wie bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Der Attraktivität des Behindertenleistungssport tut dies keinen Abbruch.

Zuschauer fiebern doch noch mehr mit, wenn sie die Menschen und ihre Geschichten kennen. Edina Müller hält ihren Kurs jetzt jedenfalls. Und der heißt: Rio.


Meine PARALYMPICS // Schwimmen, schweben, kämpfen // Annette Kögel über die Freiheit paralympischer Schwimmer im Wasser

Verena Schott schwamm zum EM-Auftakt über 100 Meter Rücken in ihrer Startklasse S7 in 1:28,14 Minuten zu Gold. Bei der IPC Schwimm-Europameisterschaft in Funchal gingen letztendlich 19 Medaillen an das deutsche Team. Bild: Picture Alliance

Es war ein Bild für die Götter. Da stolzierte die Frau selbstbewusst mit dem Allerwertesten schwingend zur Londoner U-Bahn, und Männer guckten ihr gebannt hinterher. Die Athletin in sexy Shorts lief auf zwei mit Graffiti bemalten High-Tech-Prothesen¬beinen.

Nirgends sonst sieht man so viele gut gebaute Menschen, deren Körper einfach nur von der alltäglichen Norm abweichen, wie bei den  Paralympischen  Spielen. Auch beim Schwimmen. Vor den Wettkämpfen legen die Sportler künstliche Beine ab, packen ihre Arm-Orthesen in Kisten oder robben aus dem Rollstuhl auf den Startblock, ein zunächst ungewohnter Anblick. Die Volunteers tragen alles bis zu der Stelle am Becken, an der sich der Athlet wieder hochzieht oder herausgehoben wird. Wer am Rande, wie etwa jetzt bei den Schwimm-Europameisterschaften im portugiesischen Funchal mit Sportlern spricht, erfährt viel von der besonderen Faszination des Elements. Die, die sonst teils nur beschwerlich über all die unnötigen Barrieren durchs Leben kommen, tauchen nun im Wasser ein in ein freies Leben. Schwimmen, schweben, genießen. Und kämpfen,  Paralympioniken  sind ja nicht nur zum Spaß da.

Und so schwenkt der Blick der Zuschauer schnell von den Gliedmaßen To Go auf die Anzeigetafel. Bei der im  Paralympischen  Sport Club Berlin groß gewordenen Verena Schott gab es Jubel, die 27-jährige Berlinerin schwamm zum EM-Auftakt über 100 Meter Rücken in ihrer Startklasse S7 in 1:28,14 Minuten zu Gold. Das 19-köpfige Team von Bundestrainerin Ute Schinkitz holte zu Beginn gleich Gold und zweimal Silber. Selbst mal bei der EM reingucken?

Alle Wettbewerbe wurden live auf www.deutsche-paralympische-mannschaft.de sowie sportdeutschland.tv übertragen und können hier nochmal on-demand angesehen werden.


Meine PARALYMPICS // Hamburg verpasst was - Annette Kögel über ausgezeichnete Newcomer und alte Hasen

David Behre (l.) und Johannes Floors (r.) bei der Leichtathletik WM 2015 in Doha. Bild: Picture Alliance

In Deutschland sprinten gerade so viele junge Athleten an die Weltspitze, dass man bei den Hoffnungsträgern kaum hinterherkommt. Gerade noch war der doppelt unterschenkelamputierte David Behre bei der Leichtathletik-WM in Doha über 400 Meter sensationell zu Gold gelaufen. Wäre der gefallene Held der Paralympischen Bewegung, Oscar Pistorius, noch im Geschäft - er hätte es schwer gehabt bei den Sommer-Paralympics in Rio 2016. Und nun flitzt schon der ebenfalls auf zwei Prothesen laufende Sprinter Johannes Floors von Bayer Leverkusen an Behre vorbei.
 
Der Braunschweiger hatte sich erst im Alter von 16 Jahren dazu entschieden, sich seine Unterschenkel abnehmen zu lassen; er war mit dem Fibula-Gendefekt auf die Welt gekommen. Früher war Floors 1,60 Meter klein - langer Oberkörper, kurze Beine. Nun ist der 20-Jährige aber schon ein Großer im Behindertenleistungssport, denn er ist nicht nur dreimaliger Junioren-Weltmeister sowie Weltmeister mit der 4 x 100-Meter-Staffel 2015, sondern er wurde vergangenen Sonnabend bei der Feier des Deutschen Behindertensportverbandes im Deutschen Sport-&-Olympia-Museum in Köln auch mit dem Nachwuchspreis geehrt. Und dabei stand Floors erst vor anderthalb Jahren das erste Mal auf Sprintprothesen. Team des Jahres wurde zum wiederholten Male die Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Frauen, Paralympicssieger und Europameister.
 
Noch bis zu den nächsten Winterspielen 2018 in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang müssen sich die beiden Athleten gedulden, die als Behindertensportler des Jahres ihre Trophäe auf der Bühne überreicht bekamen. Es sind zwei Monoskifahrer, und Bayern. Georg Kreiter, der in Sotschi 2014 auch an den eigenen Nerven scheiterte - aber 2015 in Kanada gleich zwei WM-Titel holte. Der seit einem Motorradunfall Querschnittgelähmte strahlte übers ganze Gesicht, wie Anna Schaffelhuber, die, wen wundert’s, erste wurde bei den Damen. Einen Tag später waren aber alle niedergeschlagen. Die Hamburger wollen sie also nicht, die Spiele. Sie wissen nicht, was sie verpassen. Nun werden sich andere Ausrichter freuen, über alte Hasen - und Newcomer.
Annette Kögel, Begründerin der Paralympics Zeitung im Tagesspiegel,
schreibt hier an jedem ersten Donnerstag im Monat.

KÖGEL, ANNETTE


Meine PARALYMPICS // Von hinten wie von vorn: A-N-N-A // Annette Kögel würde sich über einen Preis für Anna Schaffelhuber freuen

Anna Schaffelhuber gewann 5 Mal Gold bei den Winterparalympics 2014 in Vancouver. Bild: Picture Alliance

Nirgendwo sonst darf man so heulen, jubeln, grölen, leiden und eigentlich ja höchstselbst die Goldmedaille gewinnen wie als Zuschauer im Sport. Wer weiß, wie schlecht es manchem ginge, gäbe es die Fußball-Bundesliga nicht! Wo kann man sonst mal so richtig Emotionen rauslassen?

Die Fußball-WM der Anhänger des Behindertensports heißt Paralympics. Die vergangenen Winterspiele, also Sotschi 2014, werden als hoch politische in brisantem Umfeld in die Annalen eingehen. Denn während der Wettkämpfe wurde nur wenige hundert Kilometer entfernt die Annexion der Krim durch Russland vorbereitet. Überall an den Sportstätten in Sotschi sah man gar Geschütze versteckt im Wald oder hinter weißen Flatterwänden stehen, und Kriegsschiffe probten Manöver im Schwarzen Meer. Letztlich verstanden sich Ukrainer und Russen auch hinter den Kulissen der Sportwettkämpfe gut, sie applaudierten demonstrativ füreinander, und keiner wollte Krieg. Wer weiß, wie die weltpolitische Lage nächsten Sommer in Rio de Janeiro aussieht, Stichworte sind Russland, Ukraine, Syrien und Afghanistan. Und nun stelle man sich in jenem aufgeladenen Umfeld vor, dass Athleten, die vier Jahre oder länger genau auf diese paar Minuten hintrainiert haben, unbeeindruckt von allem ihre Leistungen abrufen müssen. Um die Herausragenden wertzuschätzen, vergibt der Veranstalter der Paralympischen Spiele, das Internationale Paralympische Komitee (IPC), die "2015 Paralympic Sport Awards". Am 14. November sollen die Ehrungen in Mexiko in den Kategorien beste Athletin, bester männlicher Sportler, bester Debütant, bestes Team und bester Offizieller vergeben werden.

Beim Überfliegen der Namen gönnt man den Preis erstmal jedem. Der Französin Marie Bochet etwa. Wie hat sie nicht unserer Andrea Rothfuss beim Skiabfahrtslauf der stehenden Damen zugesetzt. Oder Brian McKeever, einem charmanten Bürschchen und in seiner Heimat Kanada ein Held, nicht nur, weil er seinem sehenden Zwillingsbruder und Guide in der Loipe davonrauschte. Oder dem Rollstuhlcurlingteam, ebenfalls aus Kanada. Von diesen Athleten konnte man lernen, wie knisternd spannend die erst langweilig erscheinende Sportart ist.

Aber Hand aufs Herz. Ganz besonders würde ich mich über die IPC-Auszeichnung für die unvergleichliche Anna Schaffelhuber, Germany, freuen. Nicht nur, weil sie schon drei Goldene und eine Silberne bei den Weltmeisterschaften 2011 geholt hatte. Nein, in Sotschi sollten es dann gleich fünf Goldmedaillen werden, mal locker in allen Disziplinen. Das hatte vor ihr nur die Kollegin aus dem nordischen Team geschafft, Verena Bentele, die jetzige Bundesbehindertenbeauftragte, und zwar anno 2010 in Whistler. Übrigens auch schon eine Geehrte. Doch Anna Schaffelhuber fuhr auf Rang eins, obgleich sie am Start Nervenkriege wegen Vorteilsnahme durch angebliches Abstoßen von den Gleichgewichtsskiern überstehen musste. Erst war sie disqualifiziert worden, dann durfte sie im zweiten Durchgang doch antreten, aber nur mit umgedrehter Startnummer. Das muss man erstmal packen. Keine ist so schön ehrgeizig wie die in Regensburg geborene, 22 Jahre alte Monoskifahrerin. Sie ist das Gesicht des modernen, leistungsorientierten paralympischen Sports in Deutschland. Schon als Kind mussten die Eltern sie den Berg auf dem Schlitten so oft hochziehen, bis die Arme lang wurden. Möge es heißen: And the winner is...


Im Kanu bis nach Rio - Annette Kögel freut sich über Berliner, die den Koffer für Brasilien 2016 packen

Tom Kierey nimmt Kurs auf Rio 2016
Bild: Picture Alliance

Oktober 2, 2015

Es gibt noch viel zu tun bis Rio 2016. Die Brasilianer müssen ihre Buchten noch ordentlich für die Wassersportwettbewerbe von Müll befreien - und alles muss auch für eine der beiden neuen paralympischen Disziplinen vorbereitet werden: Para-Kanu. Da wurden bei der WM in Mailand, die zur selben Zeit und am selben Ort wie die Wettkämpfe der Nichtbehinderten stattfand, die ersten Startplätze für die deutsche paralympische Mannschaft vergeben. Das Team Germany ist bei der Premiere in Brasilien dabei: Der Berliner Tom Kierey, der rechts einen Klumpfuß hat und im rechten Unterschenkel 85 Prozent weniger Muskeln, freute sich nach einem spannenden Rennen über den zweiten WM-Titel nach 2013. Und die Hamburgerin Edina Müller holte Silber. Edina Müller, Edina Müller? Klar, das ist doch die langjährige Rollstuhlbasketballerin, die in London 2012 Gold im Team holte, Hamburgs Sportlerin des Jahres wurde, vergangenen Sommer ihre Karriere im Nationalteam beendete und nun trotzdem noch mal zum Riesenevent will. Das passt, die querschnittgelähmte 32-Jährige wurde bei der WM Zweite. Den dritten Erfolg im deutschen Behindertenkanu-Team paddelte Ivo Kilian vom Halleschen KC herbei und holte über 200 Meter Bronze. Die Final-Platzierungen mit dem Kajak über 200 Meter bedeuteten zwei Startplätze für die Paralympics 2016.

Schon mindestens zwei von insgesamt fünf möglichen Tickets nach Rio errang das deutsche Team bei der Bogensport-(Heim)-WM in Donaueschingen, im Fürstlichen Reitstadion. Die Startplätze für Deutschland holten Jennifer Heß und Uwe Hertel. Gute Chancen hat auch noch Michael Müller, der laut dem deutschen Behindertensportverband aber noch die endgültige Berechnung des komplexen Listensystems abwarten muss. Im Para-Leistungssport kann man sich eben in die teils kompliziert Regularien gar nicht so schnell einarbeiten, wie die Teams Erfolge holten. Bei der Blindenfußball-EM verpasste das deutsche Team wegen des schlechteren Torverhältnisses indes das Halbfinale - nichts mit Brasilien. Die Sportler werden sich mindestens so ärgern wie die Sledgehockeyspieler, die zuletzt regelmäßig an den Winterspielen vorbeischlidderten. Nun sind als Nächste die Ruderer am Start, im französischen Aiguebelette, bis zum 6. September. Und nicht zu vergessen: Deutschlandweit können sich auch Jungjournalisten qualifizieren, und zwar für die Redaktion der Paralympics Zeitung 2016, und noch bis zum 1. Oktober. Die Arena im Internet:
www.tagesspiegel.de/paralympics


Schnee von morgen - Annette Kögel ist kein Fan von Wiederholungstätern mit Kunstflocken

Die Vorbereitungen für die Winterparalympics 2018 in Pyeongchang, Südkorea laufen bereits
Bild: Picture Alliance

Im Abregnen haben die Chinesen ja schon Erfahrung. Sie beschossen vor den Sommerspielen 2008 die Wolken mit Silberjodid, damit sich die smogverdreckten Wasserkristalle nicht ausgerechnet während der Spiele ins Stadion ergießen. Nun geht Peking in die Annalen der Olympischen Spiele und der Paralympics ein als erste Stadt, die nach Sommerspielen auch Winterspiele ausrichtet. Nach 2018 in Pyeongchang und 2020 in Tokio findet zum dritten Mal in Folge das größte Sportereignis der Welt in Asien statt.

Damit zeigen die Chinesen, die schon vor sieben Jahren oft mit flüsterleisen Elektromopeds zum Vogelnest fuhren, dass sie nachhaltig planen können: Für die Winterspiele 2022 sollen sechs der Wettkampfstätten von 2008 wieder genutzt werden. Allerdings sind in dem 1,4-Milliarden-Menschen-Land auch nachhaltig weiter die Menschenrechte nicht gesichert. Das trifft die behinderte wie die nicht behinderte Bevölkerung, zumindest darin herrscht Gleichberechtigung - na ja. So gar nicht nachhaltig werden aber die Winterparalympics nahe der Stadt Zhangjiakou in der Provinz Hebei, 200 Kilometer von Peking und nur knapp 2000 Meter hoch gelegen. Wintersport gilt dort als exotisch, und die Leute stehen staunend da, wenn sie überhaupt mal einen einbeinigen Skifahrer vorbeirauschen sehen. Nun müssen die Wettertechniker die Kunst des Kunstschneeschöpfens für die sanft gewölbten Berghügel perfektionieren. Und wie haben etwa die Monositzskifahrer gerade erst bei den Winterparalympics im warmen Sotschi gelitten! Sie rumpelten über schwergängigen, aufgehäufelten Sulz. Kaum ein Wettkampftag verging, an dem nicht der Rettungshubschrauber schwer gestürzte Athleten in die Klinik fliegen musste. Man konnte teils gar nicht mehr hinsehen. So freut sich jetzt auch die fünfmalige alpine Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber nicht wirklich. Monoskifahrer lenken ja sitzend ein vergleichsweise schweres Gefährt auf einem einzigen Ski die Pisten hinunter. "Wir können nicht wie stehende Skifahrer mit den Beinen alles ausgleichen", sagt Schaffelhuber. "Ich sitze auf einer Feder aus dem Motocross, wenn ich einen Schlag bekomme, schaukelt sich das auf." 2014 kam sie unfallfrei runter, weil sie nicht Vollgas gab. Was kontraproduktiv ist für einen Sportevent der Besten der Besten. Und auch die Exoten müssen eine Chance haben, im Ziel anzukommen. Der Kotrainer der deutschen paralympischen Mannschaft der Alpinen, Ex-Paralympionike Martin Braxenthaler, argumentiert hingegen, ohne Kunstschnee ginge auf Weltklasseniveau generell nichts mehr. Aber bei der Streckenwahl und dem Kursstecken dürfen die Verantwortlichen nicht mehr übers Ziel hinausschießen. Para-Skisport ist schon so attraktiv und spektakulär genug.


Das bleibt kleben! Annette Kögel freut sich über Paralympioniken auf Sonderbriefmarken

Bislang hat mich noch niemand besonders damit beeindrucken können, mir seine Briefmarkensammlung zeigen zu wollen. Okay, eine Ausnahme war das Motiv mit Knut, dem Eisbären, zu Hause habe ich noch einige Sondermarken der Deutschen Post, die für einen einmaligen Hype um ein Bärchen als Symboltier des Kampfes gegen die Erderwärmung stehen. Jetzt wird es tatsächlich wieder Zeit, an den Postschalter zu gehen. Zum ersten Male seit der Herausgabe von Sportbriefmarken vor 47 Jahren sei die diesjährige Serie ausschließlich dem Behindertensport gewidmet, freut sich der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) Friedhelm Julius Beucher.

Da gibt es jetzt die Serie "Für den Sport" 2015 mit Cartoons von Henning Wagenbreth aus Berlin, und es gibt die Marken etwa mit Rollstuhltennisspielerinnen drauf oder Prothesensprintern. Cool! Auf den Onlineseiten der Deutschen Post stehen sogar noch fachkundige Erklärungen zu Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft, die Vorbild waren für die Marken, wie Heinrich Popow oder Sabine Ellerbrock. Die 62-Cent-Sportfördermarke kostet 30 Cent plus, bei der 85-Cent-Marke, Motiv Leichtathletik, sind es 40 Cent für den guten Zweck, und die 145-Cent-Marke, Motiv Ski Alpin, ist für 55 Cent Aufschlag für den Behindertensport zu haben.

Laut Julius Beucher erzielte die Stiftung Deutsche Sporthilfe bisher für die von ihr unterstützten Sportlerinnen und Sportler im Schnitt mit dem Verkauf der Zuschlagsmarken je Serie rund eine Million Euro - das gilt es zu toppen, sagt der DBS-Präsident. Das ist doch mal ein Ziel.

Das Top-Team des Deutschen Behindertensportverbandes zählt jetzt 51 Athletinnen und Athleten aus 13 Sportarten, und die kaufen jetzt sicher auch kräftig Briefmarken. Das Top-Team ist der Elitekader der Anwärter auf die Deutsche Paralympische Mannschaft für Rio 2016 und Pyeongchang 2018. Neben dem 45-köpfigen Top-Team-Kader für Rio de Janeiro werden auch jetzt schon sechs Top-Team-Athletinnen und -Athleten für die Winterspiele in Südkorea unterstützt. Wer es da reingeschafft hat, genießt besonderes Renommee - und eine gezielte Förderung, monatlich gibt es 400 Euro dazu, damit Arbeitnehmer Ausfälle für Jobfreistellungen kompensieren können. Bis zu 1000 Euro monatlich sind insgesamt als berufsbezogene Unterstützung möglich.

Dass die Deutsche Paralympische Mannschaft im Weltvergleich so gut dasteht, ist natürlich auch den großen Sponsoren des Top-Teams zu verdanken. Die Unternehmen gaben schon Geld, als das Bundesinnenministerium noch schlief. Der große Einsatz der beiden Hauptsponsoren zeugt natürlich auch von der Professionalisierung des paralympischen Sportes. Umso schöner, dass er nun auch von der Deutschen Post gewürdigt wird.


Sie wissen nicht, was sie verpassen
Annette Kögel lässt ihren Blick über Pitztal, Cable und Panorama schweifen

Andrea Eskau gewann dreimal Ski-WM-Gold im Sitzschlitten. Bild: Picture Alliance

Erinnern Sie sich noch? Bei den vergangenen Winter-Paralympics in Sotschi wurde der Gold-Platz auf dem Siegertreppchen stets für die deutsche Monositzskifahrerin Anna Schaffelhuber freigefegt. Und so wie die deutsche Nationalmannschaft bei den vergangenen Winterspielen in Russland aufgehört hat, so startete sie auch in die aktuelle Wintersportsaison. Im österreichischen Pitztal legte das deutsche Paralympic Skiteam Alpin im Dezember einen erfolgreichen Auftakt in die WM-Saison hin. Die beiden Goldmedaillengewinnerinnen aus Sotschi, Anna Schaffelhuber (sitzend) und Andrea Rothfuss (stehend) sicherten sich beim IPC Europacup im Super G in ihren Startklassen je einen Doppelsieg. Und so ging das bei beiden im Slalom und Riesenslalom weiter. Auf dem Gletscher schwang sich Monositzskifahrer Georg Kreiter auf den zweiten Platz im Riesenslalom; Teamkollegin Anna-Lena Forster kam bei den Frauen als Dritte ins Ziel. Bernhard Kleinheinz, der 20 Jahre alte Monoskisitzfahrer aus Immenstadt, feierte seinen ersten Sieg.

Die deutschen Athleten wurden dann Ende Januar bei den Weltmeisterschaften Ski Nordisch beklatscht, in Cable, Wisconsin, USA. Paralympics-Goldmedaillensiegerin Andrea Eskau vom USC Magdeburg schob sich in ihrem Sitzschlitten zu Ski-WM-Gold über die Langdistanz, im Sprint und über die fünf Kilometer. Vivian Hösch sowie Martin Fleig kamen mit Bronze heim.

Nun fliegen die Deutschen zu den Weltmeisterschaften Ski Alpin in - wie passend - Panorama (Kanada) vom 28. Februar bis 10. März. Es passiert also im Schnee mehr als das, was das Fernsehen von der Ski-WM aus Beaver Creek zeigt. Weil aber viele öffentliche Beobachter nicht wirklich mitbekommen, was der Behindertenleistungssport so bietet, hat der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Friedhelm Julius Beucher, wieder sein saisonales Motivationsschreiben - oder soll man sagen: seinen Bittbrief? - an die Medienvertreter geschrieben. Noch immer nicht zählen die Leistungen der Athleten mit Behinderung genau so viel wie die der Sportler mit allen Armen und Beinen dran und keiner Querschnittlähmung.

Ach, man möchte allen Paralympics-Sport-Ignoranten ein Flugticket zu den tosenden Skitribünen kaufen, man möchte sie nächtens an eine Hotelbar stellen zum Plaudern mit einem Skiverrückten wie Gerd Schönfelder. Als den einarmigen Medaillensieger mal am Flughafen eine Frau mitleidig fragte, bei welcher Sportart sich denn alle so furchtbar verletzt hätten, scherzte er: Wir sind die Nationalmannschaft im Bungeejumpen.

Mögen alle Weggucker sich mal selbst in einen nordischen Schiebeschlitten setzen. Wie unsereins, im kanadischen Whistler, uff, ein paar Minuten ging das gut. Und dann machten die Arme schlapp. Aber wer vergleicht schon Äpfel mit Birnen. Amateure wie ich haben im Spitzensport nichts zu suchen. Apropos Amateure. Liebe deutsche Olympia- und Paralympia-Bewerbungsvorbereiter, mal mehr trainieren! Bitte mehr Typen in die Kampagnen einbinden, die für Empathie, Storys, Adrenalin, Lebensfreude und Ehrgeiz stehen. Und die Protagonisten selbst fragen, was sie brauchen, was sie wollen, damit deutsche Sommerspiele 2024 die besten ever, ever werden. So könnten Worte in meinem Bittbrief lauten, sollte ich mal einen schreiben. Aber erstmal gucke ich noch ein bisschen Wintersport online auf Paralympic Sport TV.


Rasant und elegant
Annette Kögel über die Behindertensportler des Jahres

Monoskibobfahrerin Anna Schaffelhuber holte bei den Paralympics 2014 fünf Goldmedaillen. Bild: Picture Alliance

Da trainieren Athleten jahrelang hin auf diesen Tag, die Minuten und Sekunden, die alles im Leben verändern können. Alles ordnen sie dem Leistungssport unter - und dann das. Punktgenau also startet Anna Schaffelhuber in ihrem Monositzski beim Super-G, fährt das Rennen in Sotschi bei den Paralympics brillant die steile Piste herunter. Dann will das österreichische Team einen Regelverstoß gesehen haben, interveniert. Die 21-Jährige muss einen ganzen Tag lang bangen und am nächsten Morgen beim zweiten Lauf außer Wertung mit umgedrehten Leibchen starten. Doch auch hier behält sie die Nerven, bis nach Filmauswertung feststeht: Sie hat sich am Start nicht abgestoßen, wie von den Österreichern behauptet. Alles regelkonform. Wieder Gold für Schaffelhuber.

So fuhr die Alpinsportlerin des TSV Bayerbach von den Winterspielen in Sotschi mit fünf Goldmedaillen in allen fünf Disziplinen nach Hause: im Slalom, im Riesenslalom, in der Abfahrt, in der Superkombination - und im Super-G.

Schaffelhuber ist fokussiert, sie ist ehrgeizig, und sie ist jetzt in Köln schon zum dritten Mal als Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet worden. Schaffelhuber kam mit einer inkompletten Querschnittslähmung auf die Welt, und sie sieht sich nicht als behindert. Sie sei einfach so, wie sie ist. Die Eltern kamen nicht hinterher, sie auf dem Schlitten den Berg hochzuziehen. Mit fünf Jahren saß sie das erste Mal im Monositzski. Heute rast sie so elegant und schwungvoll die Piste herunter, dass man ihr dabei die 115 Stundenkilometer nicht ansieht.

Im Deutschen Sport & Olympia Museum konnte auch die Damennationalmannschaft im Rollstuhlbasketball die Ehrung als Team des Jahres 2014 entgegennehmen – und das bereits zum sechsten Mal. Die Frauen errangen mit Bundestrainer Holger Glinicki die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in Toronto.

Vergleichsweise neu in der Runde der Geehrten ist Markus Rehm, 26. Als er in diesem Jahr mit einer Weite von 8,24 Metern Deutscher Meister der nicht behinderten Leichtathleten wurde, verbesserte er damit seinen eigenen paralympischen Weltrekord um 29 Zentimeter und sprang als erster paralympischer Athlet über acht Meter. Rehm sagte, "auch diesen Titel werde ich nutzen, um meinen Beitrag zum inklusiven Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung im Sport und in der Gesellschaft weiter voranzubringen". Zwar hatten Journalisten die Vorauswahl zu den Preisen getroffen, doch zwei Wochen lang konnte das Publikum unter anderem im Internet über Favoriten abstimmen. Das unterscheidet die Wahl übrigens von der für die "Sportler des Jahres".


Lehrer fürs Leben
Annette Kögel über Sportler als Motivationstrainer

Rennrollstuhlfahrer Kurt Fearnley ist mehrfacher Paralympics-Champion. Bild: Picture Alliance

Mir liefen Tränen die Wangen herunter, aber ich habe mich selbst weiter angetrieben und geschrien: "Wer bist du? Wer bist du?" Die Worte schienen von irgendwoher außerhalb meines Selbst zu kommen, als ob sie mir jemand eintrichtern wollte. Und jedes Mal schoss mir als Antwort auf die Frage immer wieder der gleiche Gedanke durch den Kopf: "Ich bin jemand, der niemals stoppen wird. Jemand, der nie aufgeben wird. Niemals."

Kurt Fearnley ist ein Kämpfer, er ist Rennrollstuhlfahrer, mehrfacher  Paralympics-Champion  - und jetzt teilt der Australier Erinnerungen wie diese an seinen inneren Kampf während des New-York-Marathons 2011 in seiner gerade erschienenen Autobiografie "Pushing the Limits". Kinogänger hierzulande kennen den Leistungssportler, der angesichts seiner verkürzten unteren Körperteile auch schon mal auf seinen Armen und Händen durch den Dschungel Papua-Neuguineas robbte, aus dem bewegenden Kinodokumentarfilm "Gold - Du kannst mehr als du denkst". Der Familienvater ist einer der  paralympischen  Athleten, die Unternehmenschefs gern als Motivationstrainer für Manager in Führungsetagen einladen. Denn der Biss, die Motivation, der Lebensmut, die Leidenschaft und der unbändige Wille, selbst aus Krisen im Leben gestärkt hervorzugehen, haben Vorbildcharakter.

Von  paralympischen  Leistungssportlern kann jeder auch abseits der Wettkämpfe lernen. Man braucht sich nur ein Buch zu schnappen oder ein wenig durchs Netz zu surfen. "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser" heißt das Buch der zwölffachen  Paralympics-Siegerin  und jetzigen Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele. In dem Buch lässt sie den Leser anhand eines mentalen Übungsprogramms testen, wie man Schritt für Schritt in jedem Lebensbereich eigene Grenzen verschieben kann. Bentele ist eben davon überzeugt, dass wirklich blind nur derjenige sei, der nicht vertrauen könne. Sie selbst läuft einem sehenden Guide in der Loipe hinterher.

Wenn nichts hilft, hilft manchmal auch Humor. Das vermittelt Tischtennisspieler, Pfarrer, Kabarettist, Moderator und Referent Rainer Schmidt auch außerhalb der Sportstadien. "Lieber Arm ab als arm dran - Grenzen haben, erfüllt leben" heißt eines seiner Bücher. Darüber schreibt Schmidt, dem beide Unterarme fehlen: "Ohne erhobenen Zeigefinger (wie sollte ich auch, zwinker) erzähle ich fröhlich und aus meiner Perspektive, was es bedeutet, mit einer offensichtlichen Einschränkung zu leben." Mit Anekdoten zeigt er, wie der Umgang mit den eigenen Grenzen gelingt. Jeder solle sich auf das konzentrieren, was er kann, und nicht auf das, was er nicht kann.

Behindertensportler können eben gute Trainer sein, fürs Leben. Übrigens, auf Facebook hat Rennrollstuhlathlet Kurt Fearnley gerade gepostet: "Ich bin so glücklich, meinen fünften New-York-Marathontitel gewonnen zu haben." Windig sei es gewesen, und kalt. Und was hat Kurt Fearnley gemacht? Mal wieder nicht aufgegeben. 



Dieser Blog gibt die Meinung der Autorin wieder und muss nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Deutschen Behindertensportverbandes e.V. (DBS) widerspiegeln.

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