DOSB - Olympiamannschaft


 

Annette Kögel ist Redakteurin des Tagesspiegels und Begründerin des Medienprojektes "Paralympics Zeitung" des Tagesspiegels. Sie schreibt hier monatlich einen Blog-Beitrag, der ihre eigene Meinung wiedergibt. Foto: Rückeis


Das ist der Gipfel // Annette Kögel staunte beim Paraclimbing und blieb am Boden

Für die meisten Menschen ist der Mount Everest untrennbar mit dem Namen seines Erstbesteigers Sir Edmund Hillary verbunden - manchen fällt dann noch der nepalesische Bergsteiger Tenzing Norgay ein, der alles erst möglich machte. Ich muss da immer an Marc Inglis denken, der 2006 als Mann ohne Beine den höchsten Berg der Welt erklomm. Wie das geht? Mit zwei Prothesenbeinen, mit denen Amputierte heutzutage auch dank Computertechnik im Gelenkchip rennen oder springen können wie andere mit ihren angeborenen Beinen. Dem Extremsportler Inglis waren nach einer missglückten Expedition am neuseeländischen Mount Cook wegen schwerer Erfrierungen beide Beine unterhalb des Knies amputiert worden. Nach dem Mount-Everest-Triumph verlor er dann auch wegen der Kälte mehrere Finger, die ihm abgenommen werden mussten. Und er hatte noch andere Probleme. Eben die Bergsteiger-Legende Sir Edmund Hillary warf ihm vor, unterhalb des Gipfels dem bewusstlosen Briten David Sharp nicht geholfen zu haben. Der starb.

Inglis entgegnete deutschen Medien damals, er sei selbst doch hilflos gewesen, sei mit offenen Stümpfen auf einer Matte von Yaks gezogen und schließlich von Sherpas getragen worden, während 39 andere Menschen mit gesunden Beinen, die hätten helfen können, ebenso an dem Mann in Not vorbeigezogen waren.

Der Mann in den Bergen - so hieß ja auch eine legendäre Fernsehserie - das war schon immer ein hoch emotionales Thema, nicht nur im Behindertensport. Der teilquerschnittsgelähmte Deutsche Michael Teuber, wie früher Marc Inglis paralympischer Radsportler, hat schon mal für Martina Navratilova, die nicht mehr konnte, den Tennisschläger auf den Kilimandscharo hochgetragen. Gerade kam er pünktlich zum 17. Hochzeitstag aus Ecuador zurück, vom Gipfel des knapp 6300 Meter hohen Chimborazo.

Es müssen ja nicht gleich derartige Höhenflüge sein, um ein Hochgefühl zu haben. Ende März ging es etwa im DAV Kletterzentrum Berlin an der Seydlitzstraße hoch her. Da war es beim "Tag des Paraclimbing" richtig voll. Es kletterten und sicherten sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die die Umwelt statt mit den Augen eben mit dem Gefühl wahrnehmen, die einzelne Gliedmaßen verloren oder von Geburt an ohne sie ganz vorzüglich leben. Jungs mit Orthesen schlugen ohne Probleme knapp unter der Hallendecke an - und ließen Nichtbehinderte unten am Boden staunen. Auch darüber, wie mühelos Inklusion bei den Veranstaltern, der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins gemeinsam mit dem Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Berlin e.V., und ihren Klettertrainern mit Behinderung klappt. Die blinde Berliner Schwimmerin und mehrfache Paralympics-Siegerin Daniela Schulte war begeistert mittenmang.

Nun hadern ja derzeit die Nichtbehinderten damit, auf welche Weise das Klettern jetzt olympisch ist, da wird nämlich Bouldern und Höhenklettern zu einer Disziplin, was so niemand zusammen trainiert. Beim Paraclimbing gibt es mit Weltmeisterschaften Erfahrungen. Doch bevor Handicap-Klettern heutzutage paralympisch werden sollte, gälte es, organisatorische Klettersteige zu bezwingen. Erste Schritte wären getan: Die Paraclimbing Commission ist seit 11. März gewählt. Vom 30. August bis 10. September finden in Innsbruck die "IFSC Youth World Championships 2017" statt und ebenfalls in Österreich der Coup "IFSC World Championships 2018" vom 6. bis 16 September in den Disziplinen Lead, Bouldering, Speed und Paraclimbing. Bei allem sei wie immer der Weg das Ziel.


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