DOSB - Olympiamannschaft


 

Annette Kögel ist Redakteurin des Tagesspiegels und Begründerin des Medienprojektes "Paralympics Zeitung" des Tagesspiegels. Sie schreibt hier monatlich einen Blog-Beitrag, der ihre eigene Meinung wiedergibt. Foto: Rückeis


Meine PARALYMPICS // Durch nichts aufzuhalten // Annette Kögel über die niemals aufgebende Christiane Reppe

Paralympioniken sind einiges gewohnt. Wer keine Beine mehr hat, der läuft schon mal auf Händen beispielsweise durch den Flugzeuggang zum Sitzplatz. Wenn der Fahrstuhl mal nicht funktioniert, rutscht man eben auf dem Treppengeländer nach unten. Und wenn der eigene Verband vergisst, einen für eine Weltmeisterschaft zu melden? Nun, selbst dann kann es irgendwie doch möglich werden, mit zwei Goldmedaillen genau diese WM zu verlassen.

Als Christiane Reppe mitbekam, dass der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vergessen hatte, sie für die Paracycling-Weltmeisterschaften in Pietermaritzburg in Südafrika final anzumelden, drehte sie schon am Rad. Die 30 Jahre alte Handbikerin hatte intensiv trainiert, beste Chancen auf Medaillen - und dann das. Auch beim DBS saß der Schrecken tief, war die Vorzeigeathletin doch in der ersten Runde angemeldet worden. Aber dann hatte jemand einfach vergessen, einen Namen in die Maske auf dem Bildschirm zu tippen. Ein typischer Fehler, wie er jedem passieren kann. Wie er aber nun Christiane Reppe traf.

Und die gebürtige Dresdnerin wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch noch auf die darauffolgende Panne mit Humor reagiert hätte. So postete sie auf Facebook sich selbst mit den ihr trotzdem zugeschickten Bögen für die Dopingkontrolle: "Irgendwie bin auch ich manchmal sprachlos. Da lässt die UCI mich nicht starten bei der Paracycling-Weltmeisterschaft und schickt mir dann aber trotzdem die Dopingkontrolle vorbei!" Die überkorrekte UCI ist der Radsport-Weltverband.

Es gab dann natürlich Medienberichte, der Bund Deutscher Radfahrer und auch der DBS versuchten erneut, das Rad in Bewegung zu setzen. Aber nichts half. Reppe, der im Alter von fünf Jahren das rechte Bein wegen eines bösartigen Tumors amputiert werden musste, machte aber wie gewohnt noch aus allem das Beste. Sie entschied sich, trotzdem nach Südafrika mitzufliegen, das Team zu stärken und von den Wettkämpfen aus die Social-Media-Kanäle zu bespielen. Und als sie gerade mit dem Auto auf dem Weg von Johannesburg nach Pietermaritzburg war, kam der Anruf vom DBS: Du darfst doch starten!

Allerdings hatte Reppe ihr Handbike nicht dabei. Doch auch dafür hatte sie die passende Lösung. Dem Vater in Deutschland beschrieb sie am Telefon, wie er daheim das Handbike auseinanderschrauben solle. Hans-Jürgen Reppe bekam den Anruf am Montagnachmittag, am frühen Abend saß er samt Sportzubehör im Flieger Richtung Südafrika. Am Donnerstag hatte Christiane Reppe ihr erstes Rennen. Auf dem bergigen Kurs distanzierte die Paralympics-Siegerin ihre Konkurrentinnen in der Startklasse H4 um über eine Minute. Die Athletin vom GC Nendorf gewann ihren dritten WM-Titel, es war der erste im Zeitfahren. Und sie holte sogar noch eine Goldmedaille, im Straßenrennen. Auf dem Siegerpodest kullerten ihr Freudentränen während der Nationalhymne die Wangen hinab. "Ich bin megaglücklich. Jetzt fällt gerade alles von mir ab", sagte Reppe.

Davon war das gesamte deutsche Team beflügelt. Die deutsche Nationalmannschaft von Bundestrainer Patrick Kromer jubelte bei der Para-Radsport-WM insgesamt über zehnmal Gold, viermal Silber und sechsmal Bronze. So sprinteten Kerstin Brachtendorf, Pierre Senska und völlig überraschend Tobias Vetter im Straßenrennen zu Gold. Denise Schindler und Steffen Warias gewannen Silber und Michael Teuber holte ebenso Bronze wie das Team.

Zum Abschluss räumte das Trio Bernd Jeffré, Mariusz Frankowski und Andrea Eskau noch Bronze im Team Relay und damit die 20. Medaille für Deutschland ab. Die größten Überraschungen aus deutscher Sicht schafften zwei WM-Debütanten: neben Goldmedaillengewinner Vetter ließ die 24 Jahre alte Raphaela Eggert mit Silber im Zeitfahren aufhorchen.

Außerdem gibt es im deutschen Team nun sogar drei Doppel-Weltmeister: Hans-Peter Durst, Andrea Eskau - und die unaufhaltsame Christiane Reppe.

Meine PARALYMPICS // Mit Mut gegen Depressionen // Annette Kögel über ein Projekt, das seelische Erkrankungen thematisiert

Ganz ehrlich: Als ich anno 2003 gefragt wurde, ob ich als Schulmedienprojektleiterin beim Tagesspiegel eine Jungjournalistenzeitung anlässlich der Paralympischen Spiele in Athen aufbauen möchte, hielt ich erst einmal inne. Von diesen Spielen der Menschen mit teils schweren Körperbehinderungen live zu berichten, wie kann man so etwas denn seelisch verkraften?

Nach dem ersten Reportereinsatz 2004 in Griechenland waren letzte Zweifel verflogen: Statt seelische Tiefs selbst als Zuschauer durchzustehen, ist man während der Paralympischen Spiele im sportlichen Dauerrausch, es gibt Adrenalin ohne Ende und positive Vibrationen vom Startschuss bis zum Löschen der Paralympischen Flamme.

Dennoch wird überall in der Mixed-Zone in den Stadien oder auch während der Empfänge am Abend im privaten Gespräch ehrlich über den langen Weg vom Schicksalsschlag bis zum Siegeszug dank des Leistungssports geredet. Etliche Sportler hatten einst Gedanken an einen Suizid.

Wie sehr Sport aus Depressionen heraushelfen kann, das weiß auch der Förderer der Paralympics Zeitung des Tagesspiegel, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Die DGUV unterstützt schon seit Jahren frühere Paralympicssieger wie Kirsten Bruhn oder Heinrich Popow dabei, Unfallopfern wieder Mut zu machen.

Seit 2012 gibt es zudem auch eine sogenannte Mut-Tour, die in diesem Jahr bis zum 25. August durch Deutschland zieht, mitsamt Zwischenstopp in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) in Frechen. Das Aktionsprogramm will einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leisten. Dafür haben bis zum vergangenen Jahr insgesamt 126 depressionserfahrene und auch unerfahrene Menschen über 22 000 Kilometer Mutmachertour zurückgelegt. Der DBS unterstützt die Mut-Tour als Bundespartner - wie auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, das Bündnis gegen Depression und der Fahrrad-Club ADFC.

Die Mut-Tour wird von der Deutschen Depressions-Liga organisiert, die Barmer und die Deutsche Rentenversicherung Bund sind Kostenträger. Damit steht ein großes, kompetentes Team auf dem Platz mit dem Ziel, Menschenleben zu retten. Zu viele Tode, auch von körperlich nicht behinderten, aber psychisch Qualen erleidenden Spitzensportlern wie Robert Enke waren schon zu beklagen. Haben wir alle den Mut zum Tabubruch, zum Reden, zum Helfen - zum Leben!


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Dieser Blog gibt die Meinung der Autorin wieder und muss nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Deutschen Behindertensportverbandes e.V. (DBS) widerspiegeln.

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